Was ich von Kuba über meinen Terror gelernt habe

Vom Attentat auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche erfuhr ich über das Telefon. Meine beste Freundin rief an, um mich zu fragen, wo ich sei. Sie habe gerade auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gehen wollen, als ihr entgegenkommende Menschen von einem terroristischen Anschlag erzählt hätten. Nun sei sie zu Hause und rufe alle ihre Lieben an, um zu erfragen, wo sie seien.

Rational kam die Information bei mir an. Aber es gibt Wissen und Wissen, Informationen besitzen und Informationen begreifen. Letzteres dauerte noch gute zwanzig Minuten, bis ich die ersten Fernsehbilder sah, von Toten und Verletzten hörte, von der polizeilichen Anordnung, nicht mehr das Haus zu verlassen.

Und dann war sie plötzlich da, die Angst. Die Angst vor dem, was hätte passieren können, aber ja gar nicht passiert ist. Und die Angst vor dem, was noch passieren könnte, aber noch gar nicht passiert ist. Denn da war weniger Mitleid für die Menschen vor Ort oder ihre Verwandten und Freund_innen, als egozentrische Sorge um mich selbst und meine Lieben, um meine und unsere Sicherheit.

In meiner gefühlten Not rief ich meinen Freund in Kuba an, der freilich noch nichts von den Ereignissen mitbekommen hatte. Ich erzählte ihm also was passiert war. Wissen und Wissen: Die Information war übermittelt, aber begreifen konnte er sie nicht. Denn in Kuba gibt es viele Probleme, doch Terrorismus gehört nicht dazu. Das Wort Terror, das bei uns zahlreiche Assoziationen weckt, Erinnerungen und Schlagworte, löst in Kuba kaum etwas aus. „Wenn das nicht bei Dir in der Nähe war, musst Du Dir doch keine Sorgen machen“, sagte er. Davon aber wollte ich nichts wissen, schließlich könne das ja noch einmal passieren, überall und jeder Zeit, stammelte ich aufgeregt. Am anderen Ende der Leitung wurde es kurz still. Dann: „Aber so darfst Du nicht denken. Du kannst doch jetzt nicht zu Hause sitzen und Angst vor etwas haben, von dem Du gar nicht weißt, ob es passiert.“

Ich war kurz davor an die Decke zu gehen. Wie konnte er das denn nicht begreifen? Wie konnte er leugnen, dass ich einer Gefahr ausgesetzt war, dass ich Grund zu Angst und Sorge hatte? Wie konnte er das kleinreden?

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Während meiner letzten Kuba-Reise hatte es zwischen mir und meinem Freund diverse Krisen gegeben, Situationen gegenseitigen Unverständnisses, das vorübergehend so grundlegend war, dass es unsere ganze Beziehung in Frage stellte. Denn wir sind nicht nur einfach unterschiedlicher Meinung, sondern wir begreifen unterschiedlich. Es geht also nicht um Inhalte, sondern um Denkstrukturen. Wo ich stets bemüht bin, aktuelle Ärgernisse mit Ereignissen und Erfahrungen meines früheren Lebens zu erklären und zu rechtfertigen, bleibt er in der Analyse von Streitigkeiten ausschließlich im Moment. „Ich habe es satt, Geschichten aus Deiner Vergangenheit zu hören“, wetterte er einmal auf dem Höhepunkt einer Auseinandersetzung. Ich war zutiefst verletzt, weil ich mich in meinem gesamten Wesen missachtet fühlte. Wie konnte er so etwas sagen? Wie konnte er sich nicht für mein Leben interessieren?

Aber so ist es gar nicht. Er interessiert sich für mein Leben genauso wie ich mich für seins, aber für ihn ist die Vergangenheit vergangen und die Zukunft noch nicht da. Und das ist keine individuelle Eigenart, sondern ein soziokulturelles Phänomen, dass ich in der kubanischen Gesellschaft sehr häufig wahrnehme.

Es fasziniert mich immer wieder, wie glücklich, optimistisch und vor allem umfassend freundlich die Kubaner_innen sind, trotz all der Probleme ihres Landes, trotz Armut und Ungerechtigkeit, trotz Unfreiheit. Es fasziniert mich, wie sie der Liebe für ihre Heimat Ausdruck verleihen, während sie von den Entbehrungen und Nöten der 90er Jahre berichten. Ich bin sprachlos in Anbetracht der Stärke, die sie ausstrahlen, wenn sie von schweren persönlichen Krisen berichten, die sie – so scheint es – in keiner Weise anhaltend lähmen. Und ich bin tief beeindruckt von der Herzlichkeit, mit der sie einander und auch mir begegnen, obwohl sie in einem Land leben, in dem sich die Menschen gegenseitig bespitzeln! Wie geht das?

Eigentlich ist es ganz einfach: Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht da. Alles was ich brauche, ist der Moment, jetzt und hier. Vielleicht werden Kubaner_innen deshalb auch nicht so schnell nervös, wenn sie mal wieder Schlange stehen, wenn sie auf unbestimmte Zeit auf etwas warten müssen. Irgendwann, das wissen sie, werde ich drankommen, irgendwann wird das Erwartete eintreffen. Und ob ich mich jetzt ärgere oder nicht, ändert daran nichts. Warum sich über etwas aufregen, sorgen und fürchten, das sich der eigenen Kontrolle entzieht?

Mein Freund kann nicht verstehen, wie ich schlechte Erfahrungen auf die Gegenwart projizieren kann. Ich wurde einmal belogen? Das ist total scheiße, aber bedeutet doch nicht, dass ich fortan immer belogen werde! Und deshalb rechtfertigt es auch kein Misstrauen. Ich wurde völlig unerwartet von meinem Partner verlassen? Das ist total scheiße, aber bedeutet doch nicht, dass der Nächste das auch tun wird. Meine letzte Bewerbung wurde abgelehnt? Das ist total scheiße, aber es bedeutet doch nicht, dass die nächste auch abgelehnt wird. Ob der gestrige Tag bombastisch oder scheiße war, ändert nichts daran, dass ich heute noch alle Chancen auf das Glück habe!

Die Suche nach dem Terror

Terror ist laut Wikipedia „die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken“. Damit ist Terror nicht das Ereignis selbst, nicht der LKW, der auf den Weihnachtsmarkt gefahren ist, sondern die Reaktion darauf. Terror ist die Angst vor dem, was noch nicht passiert ist! Und damit liegt es bei uns, ob wir dem Terror Raum geben, ob wir Menschen die Macht geben, uns in Angst und Schrecken zu versetzen. Terror ist nicht unkontrollierbar, sondern im Gegenteil von uns selbst abhängig. Und deshalb ist es ultimativ wichtig, die eigene Reaktion zu hinterfragen.

Mein Freund hat Recht. Ich sollte jetzt nicht zu Hause sitzen und Angst haben. Niemand sollte das. Die Angst vor etwas, das bereits vorbei oder noch gar nicht passiert ist, hat keine Richtung, kein Zielobjekt. Auf der konfusen Suche nach etwas, an dem sie andocken kann, trifft sie auf Vorurteile und beißt sich fest, damit das denkende Subjekt etwas oder jemanden hat, vor dem es sich tatsächlich fürchten kann. Hass und Hetze sind die Folge, Menschen die mit dem Finger auf andere zeigen, nur um ihre Angst, die eigentlich gar kein Objekt hat, zu konkretisieren. Und genau das ist Terror, die systematische und willkürliche Verbreitung von Angst und Schrecken. Die Willkür aber verbirgt sich nicht auf der Seite der Täter_innen, sondern in unserer Suche nach einem beliebigen Angstobjekt. Der Terror ist in uns!

Fürchtet euch nicht

Am Ende des Telefonats mit meinem Freund sprachen wir über seinen geplanten Berlinbesuch. „Ich weiß nicht, ob ich in ein Land kommen will, in dem ich mich vor Anschlägen fürchten muss“, sagt er und meint das nicht so richtig ernst. Aber mir wird trotzdem etwas bewusst: Wir müssen das alle nicht. Niemand MUSS sich fürchten, niemand MUSS Angst haben. Wir haben die Wahl.

Überall wird diskutiert, ob es sich um einen Akt des Terrors gehandelt hat oder nicht, und damit ist die Frage gemeint, welche Motive sich hinter der Tat verbargen. Vielleicht aber ist das der falsche Ansatz. Vielleicht ist es egal, was in der Vergangenheit das Ziel war, vielleicht zählt nur, was in der Gegenwart das Ergebnis ist. Vielleicht können wir selbst bestimmten, ob dies ein Akt des Terrors ist. Wir können entscheiden, ob wir uns am Leid der Vergangenheit festklammern wollen und die Zukunft mit Angst besetzen, oder ob wir bei uns selbst im Jetzt und Hier bleiben.

Im Jetzt und Hier habe ich keine Angst. Ich bin dankbar, dass weder ich noch irgendein von mir geliebter Mensch gestern Abend auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche war. Ich beiße mich nicht fest an Dingen, die ich nicht ändern kann, wie den Motiven, die der Fahrer für seine Tat gehabt haben könnte. Ich konzentriere mich auf das, was für meine Gegenwart wichtig ist. Und das ist: Frieden. Polemische Spekulationen, hasserfüllte Kommentare, die allem Fremden ein Misstrauensvotum aussprechen, gehässige Seitenhiebe darüber, wie richtig und falsch zu trauern sei, Diskussionen um vermeintliche Versäumnisse der Sicherheitspolitik – das ist die Gegenwart, auf die ich einen Einfluss nehmen kann. Und ich mache nicht mit. Denn wenn ich wirklich vor etwas Angst habe, dann ist das nicht der unkontrollierte LKW auf dem Weihnachtsmarkt, sondern rechtskonservativer Populismus, der sich auf den Gräbern der Verstorbenen eine Bühne baut, um Terror zu verbreiten.

Denn noch mal: Das Ereignis ist nicht der Terror. Der Terror ist was wir daraus machen.

Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft noch nicht da und die Gegenwart unsere Chance. 

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