Warum Wedding?

Nein, heute soll es nicht um das Für und Wider traditionell monogamer Zweierbeziehungen gehen. Ich habe mir vielmehr die Frage gestellt, was die Anziehung bestimmter Stadtbezirke ausmacht, die für einen Außenstehenden auf den ersten Blick vielleicht eher abstoßend wirken mögen. Und da ich hier mit Insider-Wissen arbeite, möchte ich mit dem Wedding anfangen.
 
Ja, es heißt der Wedding. Während andere Bezirke schlicht und einfach Kreuzberg oder Marzahn heißen, hat der Wedding ausreichend „Personality“, um sich einen Artikel zuzulegen. Deshalb wohnt man auch nicht in Wedding, sondern im Wedding. Diese Präposition unterstreicht das „mittendrin statt nur dabei“-Gefühl, das mein Heimatbezirk ausstrahlt. Wir schauen nicht nur zu, wie die Nachbarn mit MH (Migrationshintergrund) beispielsweise im Tiergarten ein Grillfest abhalten, nein, wir sind beim Gang durchs Treppenhaus mittendrin in der Kreuzkümmel-Knoblauch-Zwiebel-Dunstwolke, die in den Mittagsstunden gar in die eigenen Wohnräume eindringt, wie der Nebel im gleichnamigen Horrorfilm.
 
Da stellt sie sich wieder die Frage: Warum eigentlich? Warum damit leben, dass die Alkis morgens Spalier stehen, das erste Sterni schon leer, das zweite freundlich zum morgendlichen Gruß erhoben. Warum damit leben, dass mensch die Nachbar_innen nicht nach einem Ei oder 100g Mehl fragen kann, weil eins einfach nicht über die ausreichenden Arabisch- oder Türkischkenntnisse verfügt, um ein solches Gespräch zu führen? Warum damit leben, dass die komplizierte Mehrfach-Schlosskonstruktion mehr wiegt als das ganze Fahrrad (weshalb auch nur das Fahrrad regelmäßig verschwindet und die Mehrfach-Schlosskonstruktion stiefmütterlich am Fahrradständer zurück gelassen wird)?
 
Die Frage ist falsch gestellt. Klarheit verschafft uns nicht die Suche nach den sogenannten Pull-Faktoren des Weddings, denn – mal ehrlich – die gibt es nicht. Deutlich aufschlussreicher ist die Frage, wer denn eigentlich im Wedding wohnt! Also mal abgesehen von den Familien mit MH und den sozial schwachen Einheimischen, die auf Grund niedriger Mieten oder der kulturellen Infrastruktur an diesen Ort gebunden sind.
 
Da gibt es zum Beispiel die Möchtegern-Szenegänger_innen. Die aus Westdeutschland Zugezogenen sind vor 5-10 Jahren dem weit verbreiteten Aufruf gefolgt: Wedding ist das neue Kreuzberg. In dem Glauben, der Bezirk im Norden Berlins würde in absehbarer Zeit Treffpunkt der coolsten Leute der Stadt werden, haben die Möchtegern-Szenegänger_innen viel Geld in die Renovierung eines alten Fabriklofts investiert und warten seitdem auf einer begrünten Dachterrasse vergeblich darauf, dass im Straßenbild die Fixerstuben und Spätkaufkiosks durch Szenecafés und Kunstgalerien ersetzt werden.
 
Gleich nebenan: die Weltverbesserer_innen. Die Weltverbesserer_innen wollen Gutes tun: Sie wollen palästinensischen Kindern Deutsch beibringen, Obdachlosen im Winter Decken austeilen und den Drogenabhängigen die gute Nachricht von Jesus Christus überbringen. Und weil all dies im Wedding möglich ist – denn es gibt palästinensische Kinder ohne Deutschkenntnisse, Obdachlose, Drogenabhängige und religiöse Freaks – fühlen sich die Weltverbesser_innen an keinem anderen Ort der Stadt wohler als hier.
 
Die Alternativen. Die wohnen in Neukölln? Pah, im Traum nicht! Wer in Neukölln wohnt, ist nicht alternativ, sondern alternativer! Oder auch alternativererererer! Wer alternativ ist, es aber zur Neuköllnerin nicht gebracht hat, wohnt im Wedding. Hier gibt es alles, was es in Neukölln auch gibt: Wohnungen mit Ofenheizung, Trödelmärkte, anarchistische Wohnprojekte… aber – und das ist der Unterschied – wir finden uns beim Kohlenschleppen, trödeln und anarcho-wohnen einfach weniger geil!
 
Und dann gibt es natürlich noch die Ur-Weddinger_innen. Die Ur-Weddinger_innen wohnen schon seit gefühlten 100 Jahren hier, halten den Wedding immer noch für einen Arbeiterbezirk und wehren sich mit der Unterstützung des Mietervereins gegen die Sanierung der eigenen Altbauwohnung, im Zuge derer die Dusche endlich im Badezimmer angesiedelt werden soll. Die Ur-Weddinger_innen wählen SPD – einfach aus Prinzip, verbringen ihren Urlaub im Stadtbad Plötzensee und haben noch nie die Bornholmer Brücke überquert.
 
Und dann gibt’s natürlich noch die All-in-one-Weddinger_innen: Nachdem sie vergeblich auf das Erblühen der Szene gewartet haben, engagieren sie sich im Rahmen der Bürgerplattform. Zunächst begrünen sie noch den Vorgarten der Obdachlosenunterkunft, radikalisieren sich jedoch zunehmend und ziehen vom Loft ins Anarcho-Wohnprojekt. Nach wiederholten Zusammenstößen mit der örtlichen Polizei siedeln sie dann in die JVA Plötzensee um, wo sie zum Dauergast und somit Ur-Weddinger_innen werden.
 
Damit sollte dann auch die Frage beantwortet sein, warum mensch im Wedding wohnen sollte: Hier entstehen einfach die abwechslungsreichsten Karrieren!
 
Und warum ich im Wedding wohne? Nun, ich mag eigentlich ganz gerne Kreuzkümmel und Knoblauch. Ich bin ein bißchen Weltverbessererin, ein bißchen religiöser Freak und ein bißchen möchtegern-alternativ. Ob ich zur Ur-Weddingerin aufsteige, bleibt abzuwarten. Aber ich arbeite hart an diesem Teil meiner abwechslungsreichen Karriere!

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