(Sp)Reizend

Ich kann mich noch genau erinnern, wie meine Mutter mich in die Raumverteilung meiner Gesellschaft einführte: „Männer sind spreizend, Frauen sind reizend“ – nicht wort-, sondern sinngemäß zitiert. Wir saßen in der U Bahn und in meiner kindlich-naiven Vorstellung, mein Körper sei allein meine Angelegenheit, muss ich wohl meine Knie weiter als „es sich gehört“ voneinander entfernt haben. Umgehend erklärte mir meine Mutter, dass dies obszön sei, insbesondere wenn ich einen Rock trage. Derlei Körperhaltung zieme sich nicht für eine Frau*.

Meine Mutter ist alles andere als ein Opfer des Patriarchats, aber die Tücken des postmodernen strukturellen Sexismus haben sich ihr bis heute nicht ganz erschlossen. Deshalb kann und will ich ihr das Folgende nicht anlasten oder zum Vorwurf machen.

In diesem Moment in der U Bahn lernte ich Scham. Wie Eva wegen des Apfels erkannte, dass sie nackt war, erkannte ich, dass Mann* mich erkennen wollte, bzw. dass mein Körper ihn zu diesem Bedürfnis animierte. Ich lernte, die Wahrnehmung meines eigenen Körpers durch die Augen eines Mannes* vorzunehmen und dementsprechend mein Körpergefühl in Abhängigkeit vom männlichen* Blick zu definieren. Es geht nicht darum, womit ich mich wohl fühle, sondern darum, womit Mann* sich wohl fühlt.

Die Geschichte mit dem sogenannten „Spreading“, also der im Sitzen gespreizten Beine, ist eine doppelte Pest. Zum einen nimmt sie Mädchen* und Frauen* das Für-Sich sein und macht Ihnen klar, dass ihr Körper in dieser Welt durch den Blick des Mannes* eine objektive Wertung erfährt. Die gespreizten Beine sind ja nur obszön, weil meine Mutter davon ausging, ich könne damit einen Mann* sexuell reizen, wobei sich hier die ultimativ wichtige Frage gestellt, wessen „Problem“ das eigentlich ist: Der Person, die einfach ist, wie sie ist, oder der Person, die sich durch die bloße Präsenz einer unschuldigen weiteren Person „gereizt“ fühlt.

Gespreizte Beine sind aber nicht nur wegen ihrer reizenden Wirkung unangemessen, sondern auch, weil Frauen* seit jeher weniger Raum einnehmen sollen als Männer*. Stellen wir uns mal eine Frau* vor, die mit ihren gespreizten Beinen in der U Bahn gleich drei Plätze blockiert: Was wäre wohl die Assoziation, die Bewertung? Laurie Penny beschäftigt sich in ihren Schriften immer wieder mit dem Zusammenhang von Essstörungen wie Magersucht und Bulimie und des gesellschaftlichen Konsens, Frauen* dürften weniger Raum einnehmen, weniger Präsenz einnehmen als Männer*. Penny schlussfolgert, dass die große Verbreitung von Essstörungen dem Versuch der Frauen entspringt, ihrer gesellschaftlich angedachten Rolle des Quasi-Nichtvorhandenseins zu entsprechen.

Dass die Mehrheit der Männer* in öffentlichen Verkehrsmitteln großzügig ihre Klöten lüftet, stört aber offenbar niemanden. Dabei könnte eins doch auch Jungen* beibringen, dass es sich nicht gehört, anderen Menschen, egal welchen Geschlechts, (Lebens)Raum wegzunehmen? Ebenso lässt sich Mädchen* mit anderen Worten erklären, warum das Sitzen mit gespreizten Beinen zumindest in einer vollen U Bahn unfreundlich ist. Nicht weil ihr Körper für das männliche* Auge eine paradoxe, zugleich bedrohliche wie auch (sexuell) beflügelnde Wirkung auslöst (welches Kind soll diesen Blödsinn auch verstehen?), sondern weil es nett ist, Raum mit anderen zu teilen, anstatt ihn für sich selbst zu beanspruchen.

Und so kommen wir zum nächsten: Das „Men*-Spreading“ hat also auch mit Dominanz und dem Markieren eines Reviers zu tun, Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft genuin männlich* konnotiert sind. Der Mann* kämpft und behauptet sein Eigentum. Die Frau* als soziales Wesen lernt sich so klein wie möglich zu machen und den ihr zugedachten Minimalst-Raum großzügig mit anderen zu teilen.

Fazit: Emanzipation und Gleichberechtigung ist nicht immer eine Umwälzung der ganzen Gesellschaft, sondern kann auch in kleinem Rahmen und kleinen Räumen, wie einem U-Bahn-Abteil, stattfinden. Und sie kann auch in diesem kleinen Rahmen gefördert werden. Zum Beispiel in dem Mann* ein bisschen darauf achtet, wie viel Platz er einnimmt, das Lüften der Klöten auf einsamere Momente verschiebt und den Damen* in seinem Umfeld ein bisschen mehr Lebensraum abgibt.

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