Oberflächenstrukturen: Out of Zehlendorf

Ich bin gerade dabei, mich auf den finalen Studienabschnitt – die Magisterarbeit – vorzubereiten. Dieses große Werk der deutschen Nordamerika-Forschung wird sich voraussichtlich mit dem Thema Science Fiction Film beschäftigen. Passend zu dieser Thematik machte ich heute in der Mittagspause eine kleine Zeitreise in meine Jugend.

Was sich abgefahren anhört ist, profan gesprochen, eine 5-Minütige Begegnung mit einem Schulfreund. 13 Jahre lang haben wir gemeinsam die Schulbank gedrückt, dennoch läuft mein Bekannter trotz meines freudigen Winkens erst einmal an mir vorbei. Ich denke mir dabei nichts Böses. Schließlich bin ich auch in meiner Jugend nicht besonders gut bei meinen Mitschüler_innen angekommen und dass jemand zielgerichtet an mir vorbeisteuert, obwohl er mich erkannt hat, bin ich quasi gewöhnt. Aber dann lenkt der Jugendfreund noch einmal ein und kommt auf mich zu. Er hat sich also doch entschieden, mich zu kennen.

Auf die Frage wie es ihm ginge, erzählt er mir, dass er ein Einkommen von 3.000 bis 4.000 Euro habe. Brutto. Als ob das jetzt noch irgendeinen Unterschied macht, denke ich. Ohne dass ich auch nur im Entferntesten danach gefragt hätte, erklärt er mir auch gleich noch, dass er nur 16 Stunden die Woche dafür arbeiten muss. Tja, er studiert eben Informatik, sagt er. Ich erwähne kurz, dass mein monatliches Einkommen momentan bei ca. 500 Euro liege, aber darauf geht er nicht näher ein. Dabei hätte ich so gerne gesagt „Tja, ich studier halt eine Geisteswissenschaft.“ Stattdessen fragt er, wo ich wohnen würde. „Im Wedding!“ Stirnkräuseln, süffisantes Lächeln. „Und Du?“ frage ich. „Bei meinen Eltern. Im Hotel Mama ist es am Schönsten.“ Er erklärt mir noch mal lang und breit, dass er sich mit seinen 3.000 bis 4.000 Euro brutto natürlich auch was Eigenes suchen könnte, er sich jedoch bei seinen Eltern sehr wohl fühle. Und wenn ich ihn mir so ansehe, dann ist Mama wohl auch die einzige Frau*, die ihn jemals nackt gesehen hat. Da fühlt er sich der Frau* eben verbunden, denke ich mir. Aber weil ich nett bin, mache ich keine doofen Sprüche. Muss ja jeder selbst wissen, wann er erwachsen wird.

Dann mache ich den Fehler die Frage zu stellen, wie lange er wohl mit dem Studium noch brauchen wird. „So ca. 1 Semester. “ Ich nicke verständnisvoll, schließlich bin ich auf demselben Stand. Haben wir am Ende doch etwas gemeinsam?! „Naja, ich studier ja auch was Schwieriges. Nicht so wie Du!“ fügt das Muttersöhnchen arrogant hinzu. Ich versuche, ihm zu erklären, dass mein Studium durchaus anspruchsvoll und arbeitsintensiv sei. Aber der Informatiker hört mir schon gar nicht mehr zu. Vermutlich rechnet er gerade in Gedanken aus, wie viel ihm von seinem Monatsgehalt noch bleibt nach den Abzügen für Miete (0 Euro), Essen (0 Euro) und Telefon bzw. Internet (0 Euro).

Ich wünsche ihm noch viel Erfolg für den baldigen Auszug und hoffe, dass er meinen Seitenhieb versteht. Vermutlich denkt er aber, dass mensch einer derart minderbemittelten Person wie mir, die für ein babyleichtes Studium 15 Semester braucht, bei den Assis im Wedding wohnt und meint, von 500 Euro lebe es sich doch vernünftig, nicht zuhören muss. Und ich bin einmal mehr froh, dem kleinbürgerlichen Dasein in Berlins versnobbtestem Randbezirk entflohen zu sein.

2 thoughts on “Oberflächenstrukturen: Out of Zehlendorf

  1. Meike

    Haha, ich bin ja schon ein Bißchen neugierig, um wen es sich da handelt!
    Meike

  2. Anonym

    Wir können ja ne Raterunde machen. Der Gewinner kriegt ein Eis bei Anneliese am S-Zehlendorf. Basti

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