Nachwort zur Bundestagswahl 2017 – Raus aus der Panikzone!

Dies ist eine überarbeitete Version des ursprünglichen Textes. Nach langen Diskussionen auf Facebook und einem ausführlichen Gespräch mit einem Freund, habe ich mich entschieden, einige Formulierungen zu überarbeiten und Sätze hinzuzufügen, um einige Aspekte klarer zu formulieren und Missverständnissen vorzubeugen.

Menschen werden nichts rechtsradikal geboren. Sie wachen auch nicht auf, schauen in den Spiegel und denken: „Oh, ich bin ja rechtsradikal. Ich sollte einen Baseballschläger kaufen und damit Geflüchtete jagen gehen.“ Rechtsradikalität ist keine Identität, sondern eine Denkweise, die sich über Jahre durch Erfahrungen, Erlebnisse und Diskurse bildet, denen der Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist.

Wenn ich „rechtsradikal“ als unabänderliche Identität annehme, auf Grund derer ich einen Menschen als minderwertig definiere, und nicht als ein gewachsenes und durch Umstände bedingtes Denkmuster, dann verliere ich den Menschen als Individuum mit seinen Sehnsüchten und Nöten aus dem Blick. Ich laufe dann Gefahr, nicht mehr nach Ursachen zu fragen, sondern Pauschalurteile zu fällen und in ein Schubladendenken abzurutschen, das Werturteile nach dem Muster „gut“ als „wie ich“ und „schlecht“ als „von mir verschieden“ vornimmt. Und mit dieser Position bin ich dann gefährlich nah an dem, was ich eigentlich kritisiere.

„Protest-Wähler“ ist schon jetzt mein Unwort des Jahres, weil sich an diesem Begriff eben jene Fronten auftun, die uns als Gesellschaft spalten und in der Konsequenz jenes möglich machen, was zumindest mir unerträglich ist: Hass und Aggression gegen Andersdenkende. Nehmen wir mal spaßeshalber an, es stimmt, dass AfD-Wähler_innen ihre Entscheidung nicht aus Unzufriedenheit mit dem aktuellen politischen System getroffen haben, sondern weil sie unverbesserliche Rassist_innen sind. Dann entbindet mich das immer noch nicht der Überlegung, wie sie zu eben jenen geworden sind! Dann muss ich noch immer darüber nachdenken, wie es sein kann, dass ein beträchtlicher Teil unserer Gesellschaft bereit ist, Menschenrechte beiseite zu schieben, die Not anderer der eigenen Unzufriedenheit unterzuordnen. Und ich bin überzeugt: Wenn ich für diese Radikalisierung eine Lösung finden will, dann muss ich Antworten auf diese Fragen finden.

Darüber denke ich übrigens nicht erst seit der Bundestagswahl 2017 nach, denn der Rechtsruck, der sich an diesem Tag in Zahlen und Fakten manifestierte, ist weder ein neues, noch ein spezifisch deutsches Phänomen. An vielen Orten auf der Welt, die USA seien jetzt einmal beispielhaft genannt, entscheiden sich Menschen aktuell dafür, vereinfachenden und ausgrenzenden Botschaften zu lauschen und zuzustimmen, die sie aus der gesellschaftlichen Verantwortung herausnehmen und ihnen erlauben, sich nur noch auf ihre eigenen Probleme zu konzentrieren. Weil das einfacher ist. Weil es einfacher ist Schuldige zu haben, auf die wir unsere Unzufriedenheit projizieren können. Strukturell zu denken, komplexe Zusammenhänge zu analysieren, ist nicht nur weitaus anstrengender, sondern auch frustrierend, weil wir unter Umständen erkennen müssen, dass wir selbst Teil eines Problems sind, das wir nicht zu lösen imstand sind, das vielleicht nicht einmal lösbar ist. Und das ist ziemlich gruselig.

Eine Gesellschaft in der Panikzone

Wenn Menschen sich vor etwas gruseln, können sie nichts mehr lernen. Im Lernzonenmodell der Pädagogik nennt sich dieser Zustand „Panikzone“. Diese ist eine von drei Gemütszuständen, in denen sich Menschen befinden können. In der Komfortzone ist das Leben zu bequem, um sich weiterzuentwickeln. Es besteht keine Notwendigkeit, sich oder das eigene Denken zu hinterfragen, weil ja alles im Großen und Ganzen genauso ist, wie es sein soll oder es schlicht und einfach keinen Input gibt, der den Status Quo in Frage stellen könnte. In der Lernzone aber werden Menschen herausgefordert und zwar genau in dem Maße, dass sie sich dem gewachsen fühlen. Wenn diese Herausforderung aber zu groß wird und/oder die Ausgangssituation zu instabil, dann entsteht eben jene Panik, die eine Entwicklung verhindert.

Das kennen wir von uns selbst auch. Das Gefühl, eine Prüfung ohnehin nicht bestehen zu können, hemmt uns im Lernprozess bis hin zur völligen Kapitulation oder auch dem allseits gefürchteten Blackout. In Momenten der Verzweiflung, emotionaler Extremsituationen und in Stressphasen fällt es uns deutlich schwerer, Gegenpositionen mit Respekt zu begegnen und uns auf konstruktive Diskussionen einzulassen. Wir müssen erst einmal wieder zur Ruhe kommen, bevor ein Gespräch wieder fruchtbar sein kann.

Mein Gefühl ist, dass wir uns als Gesellschaft mehr und mehr in eine Panikzone begeben. Ursprünglich bin ich davon ausgegangen, dass dies vor allem jene Personen betrifft, die menschenverachtende Positionen beziehen. AfD-Wähler_innen zum Beispiel. Oder auch auch beharrliche Sexist_innen oder Menschen, die andere Formen von Diskriminierung vehement verteidigen. Dahinter, so schwante mir, steht immer eine Angst, eine gefühlte Bedrohung, gegen die Aggression und verächtliche Abgrenzung als Verteidigungsstrategie gewählt wird.

Seit der Bundestagswahl 2017 aber habe ich meine Meinung geändert. Ich glaube nicht mehr, dass die Panikzone den AfD-Wähler_innen vorbehalten ist. Stattdessen wollen Menschen unterschiedlichster politischer Positionen nun auch einen Platz dort ergattern. Meine Facebook-Timeline ist voll von Aufforderungen zu sogenannter „Entfreundung“, was nichts anderes heißt als „Wer AfD gewählt hat, soll mal schön weg bleiben!“ Ein anderer Satz, den ich unter einem meiner Posts gelesen habe, ist der folgende: „Diese Leute sind schon tragisch, aber nicht um ihrer selbst willen, sondern für ihre Mitmenschen und diese Welt.“ Diese Leute sind tragisch für diese Welt… Heißt das, sie sind weniger wert als andere, die anders denken, anders handeln? Ich selbst kann Rassismus und Menschenfeindlichkeit allgemein als tragisch empfinden, aber nicht Menschen selbst.

Ich glaube nicht, dass der Wert des Menschen und seine Berechtigung in dieser Welt zu sein, sich an seinen Handlungen oder Überzeugungen ermisst. 

Für mich ist kein Mensch tragisch für diese Welt. Ich empfinde diese Aussage als menschenverachtend, weil sie impliziert, diese Welt sei ein besserer Ort ohne diese Menschen. Ich glaube nicht daran, dass Menschen einfach nur böse sind (genauso wenig, wie ich glaube, dass sie einfach nur gut sind), sondern dass sie alle eine Geschichte haben, die sie zu guten wie bösen Aussagen und Handlungen führt. Meiner Meinung nach ist es ein gefährlicher Weg, derartige Werturteile zu treffen und zwar egal aus welchen Gründen. Weil wir wissen, was passiert, wenn Menschen nicht mehr als Menschen gesehen werden, sondern als anonyme Gruppe. Insbesondere in dieser Diskussion, in der es darum geht, sich von rechtsradikalem und nationalsozialistischem Gedankengut zu distanzieren, finde ich es wichtig, sich auch so weit wie möglich von der damit verbundenen Rhetorik und Herangehensweise an Menschen zu entfernen.

Nach dem Wahlergebnis am 24. September 2017 spürte ich denselben Impuls der Abgrenzung wie viele meiner Freund_innen. Ich war wütend, traurig, verzweifelt gar. In meinem Kopf formulierte ich schon meinen Facebook-Post: „Wer heute die AfD gewählt hat, sei hiermit eingeladen, sich unauffällig aus meiner Timeline zu verpissen.“ Oder etwas in diese Richtung. Aber dann dachte ich darüber nach, was ich eigentlich will, worum es mir eigentlich geht. Wenn ich wirklich etwas verändern will, dachte ich, darf ich nicht nur zu jenen sprechen, die ohnehin meiner Meinung sind. Ich kann mich als feministische Aktivistin auch nicht immer nur vor ein feministisches Publikum stellen.

Also entschied ich mich gegen den Aufruf zur „Entfreundung“. Und das fiel mir schwer, denn ich bin auch sehr, sehr wütend und wenn ich mir vorstelle, jetzt in diesem Moment mit einem Menschen am Tisch zu sitzen, di_er die AfD gewählt hat, wird mir ganz anders. Dann spüre ich direkt die Anspannung in meinem Körper, der Herzschlag nimmt Tempo auf, ein Kloß im Hals formiert sich… Ich bin unfassbar wütend. Wirklich unfassbar wütend.

Weil ich Angst habe. Und ich glaube, das haben wir alle. Vielleicht fürchten wir uns nicht alle vor denselben Dingen, aber ich bin davon überzeugt, dass an der Wurzel jeder Aggression eine Frustration und an der Wurzel jeden Hasses eine Angst liegt.

Und deshalb zurück zu den „Protest-Wähler_innen“. Es spielt für mich eine untergeordnete Rolle, wie lange sie über ihre Wahlentscheidung nachgedacht haben und wie sehr sich ihre Ansichten mit denen der AfD decken. Was für mich zählt, ist, dass sie ihre Wahl getroffen haben, nämlich die Wahl, für eine Partei der Aggression und Abgrenzung, die für mein Empfinden gar keine Partei sein und schon gar nicht im Bundestag vertreten sein dürfte. Die Frage ist nicht, ob das jetzt als „Protest“ gewertet werden kann oder nicht. „Protest-Wähler_in“ ist keine Verharmlosung, sondern eine Ursachensuche. Wenn wir uns darüber streiten, ob diese Entscheidungen als Protest zu werten sind oder nicht, verlieren wir doch das Eigentliche aus dem Blick: Wie zum Teufel konnte das passieren? Ich jedenfalls bin davon überzeugt, dass auch an der Wurzel dieser Entscheidung Frustration und Angst liegt. Und das ist nicht notwendiger Weise, jene Frustration und Angst, die diese Menschen auf Nachfrage als erstes artikulieren.

Was nun?

Ich will AfD-Wähler_innen und Sympathiesant_innen nicht aus meiner Timeline verbannen. Erstens will ich vorbildhaft sein. Ich möchte mich selbst so verhalten, wie ich es mir von anderen wünsche: offen, gesprächsbereit, nächstenlieb. Das ein hohes Ziel, das ich nicht immer erreichen werde, aber anvisieren will ich es dennoch. Zweitens will ich die Filterblase jener, die anders denken als ich, unbedingt weiterhin durch meine Meinung bereichern. Und drittens möchte ich nicht riskieren, selbst aktiv zu jener Frustration durch Ausgrenzung beizutragen, die bei meinem Gegenüber Aggression schürt.

Wenn ich also dafür plädiere, weiterhin im Dialog zu bleiben und zuzuhören, dann meine ich damit nicht Kritiklosigkeit. Und ich meine damit auch nicht, die AfD weiterhin zum Zentrum aller Diskussionen, zum Thema aller Talkshows und Reportagen zu machen. Ich meine damit auch nicht, die Sorgen und Nöte der Protest-Wähler_innen über die Sorgen und Nöte anderer Bevölkerungsgruppen zu stellen. Ich will keinen „Whataboutism“, der auf die Sorgen der einen nur mit den Sorgen der anderen antwortet. Das ist doch genau die Falle: Jede_r fühlt sich vernachlässigt, weil wir uns nicht zugestehen können, dass Sehnsüchte, Bedürfnisse und Nöte nicht objektiv bewertbar sind, sondern subjektiv empfunden werden.

Stattdessen möchte ich einen Dialog, der uns für die Situation und Perspektiven anderer Menschen sensibilisiert – nicht für Rassismus, sondern für das, was darunter liegt. Ich will verstehen und nicht urteilen. Und ich will etwas verändern.

Ich verurteile rassistische, sexistische, diskriminierende und menschenfeindliche Positionen aufs Schärfste, aber ich versuche, nicht die Menschen zu verurteilen, die sie artikulieren, sondern zu verstehen, wie diese Menschen zu diesen Gedanken gekommen sind. Ich will verstehen, welcher Frust der Aggression zu Grunde liegt, um zu verstehen, was wir als Gesellschaft tun können, um beides zu mindern, um uns wieder kollektiv aus der Panikzone herauszubewegen und voneinander lernen zu können. Ich glaube, dass keinem panischen Menschen damit geholfen ist, die eigene Angst ignoriert oder als banal deklariert zu wissen. Es macht auch niemanden weniger wütend, zu hören, dass si_er übertreibt oder sich zu Unrecht entrüstet. Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als einander zuzuhören. Und zwar so lange bis wir uns verstehen. Damit meine ich nicht, dass ich offen für rassistische oder anderweitig menschenverachtende Argumentationen sein will. Sondern damit meine ich, dass ich zuhören will, wenn Menschen über ihre Unzufriedenheit sprechen, dass ich nachfragen will, verstehen will, lernen will, wie wir für diese Unzufriedenheit eine andere Lösung finden als eine AfD im Bundestag. Denn diese Unzufriedenheit ist real! Egal wie ich das finde, ob ich es nachvollziehen kann oder nicht: Sie ist da! Sie wird nicht kleiner, wenn wir sie ignorieren.

Deshalb glaube ich, dass es unser aller Verantwortung ist, Ruhe zu bewahren, nicht in Panik zu geraten, offene Ohren und Augen zu behalten und Dialog zuzulassen. Das ist eine große Herausforderung, aber wenn wir uns ihr gemeinsam stellen, schaffen wir vielleicht die notwendige stabile Basis, um etwas zu lernen und da anzukommen, wo wir hin wollen: In einer Gesellschaft, in der kein Platz ist für Rassismus, Sexismus, Diskriminierung und AfD.

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