Lebensschützer und AfD vs. Verqueere – Das traurige Ende der Toleranz

 

Seit ich aus meinem Urlaub in Kuba nach Deutschland zurückgekehrt bin, hat sich die Wahrnehmung meiner deutschen Lebensrealität stark verändert und es fällt mir anhaltend schwer, wieder mit Körper und Seele in meiner sogenannten Heimat anzukommen. Einer der Hauptgründe für meine anhaltende Befremdung mit meiner Kultur ist die negative Energie, die vielen Menschen wie Teer durch die Poren quillt – nicht nur, aber insbesondere ihren virtuellen Abbildern in den sozialen Medien. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich eine Entwicklung gegeben hat oder ob ich nur die meiste Zeit meines Lebens zu wenig Abstand zur deutschen Gesellschaft hatte, aber die omnipräsente Aggression hat ein für mich kaum noch zu ertragendes Ausmaß angenommen. Jede_r schmückt sich mit den vermeintlich richtigen Überzeugungen und kritisiert die Übrigen für deren Irrglauben, aber niemand – und ich meine wirklich NIEMAND – begegnet Andersdenkenden mit der Liebe, dem Respekt und Interesse, die er ihnen andersherum abverlangt. Bin ich die einzige, die das total absurd findet?

Das Wort am Sonntag: Der Lebensschützer und ich

Ich gehe gerne am Sonntag in die Kirche, zumindest wenn ich die vorhergehende Nacht nicht in einem Club verbracht habe. Ich gehe gerne in die Kirche, weil ich Christin bin, weil ich mich freue andere Gemeindemitglieder zu treffen, weil es mir gut tut, Gottesdienst zu halten, und weil viele Predigten mir Trost spenden und Kraft geben.

Natürlich ist das für mich als sexpositive, queer denkende Feministin nicht immer leicht, gibt es dort doch viele Meinungen und Positionen, die sich mit meinen Werten widersprechen, und viele Diskussionen bei denen ich mich alleine auf weiter Flur finden würde, würde ich tatsächlich offen reden. Und ich ärgere mich oft über mich selbst, dass ich mir nicht mehr Mühe gebe, Brücken zu bauen zwischen zwei „Lagern“, die ich beide sehr schätze. Und weil ich nach meinem Kuba-Urlaub entschieden hatte, ein paar Dinge in meinem Leben grundsätzlich zu ändern, ließ ich mich am vergangenen Sonntag auf eine Diskussion mit einem Lebensschützer ein, von der ich freilich schon im Vorfeld ahnte wie sie enden würde.

Mein Bekannter, nennen wir ihn der Einfachheit halber mal Paul, war auf dem „Marsch für das Leben“ gewesen, also der Demonstration für ein europaweites Abtreibungsverbot. Ich selbst, und das sagte ich ihm auch umgehend, wäre gerne auf der Gegenseite mitgelaufen (ich bereue es übrigens zutiefst, dass ich das nicht getan habe, weil ich verkatert auf meiner Couch vor mich hinvegetierte). Paul konnte nicht glauben, dass ich tatsächlich für Abtreibung sei. Aber das stimmt so auch überhaupt nicht. Ich bin nämlich nicht für Abtreibung, sondern für ein Recht auf freie Entscheidung. Ich will ja niemandem die Möglichkeit nehmen, sich beraten zu lassen oder ungewollte Kinder auszutragen. Ich bin einfach nur der Meinung, dass das jede Frau* selbst entscheiden sollte, weil es um ihren eigenen Körper und ihr eigenes Leben geht.

Das Gespräch begab sich in für mich schmerzhafte Abgründe, als Paul mir darlegte, dass das Leben des ungeborenen Kindes wichtiger sei als das der schwangeren Frau, dass eine vergewaltigte Schwangere durch das Austragen des Kindes ja die Möglichkeit hätte, ihr Trauma zu bewältigen, in dem sie das Erlebnis „in etwas Schönes verwandelt“, und dass grundsätzlich ja jede selbst Schuld sei, wenn sie ein Kind erwarte. Angeblich, zitierte er eine mir unbekannte Statistik, seien von den 100.000 Abtreibungen in Deutschland im vergangenen Jahr nur 20 durch eine Vergewaltigung motiviert gewesen. Und überhaupt sei ja der Begriff „Vergewaltigung“ heutzutage viel zu großzügig gefasst, man dürfe ja auf der Straße schon nicht mal mehr jemandem hinterher pfeifen.

Ich wusste nicht, ob ich schreien, weinen oder kotzen sollte. Paul ist ein netter Mensch, mit dem ich mich immer gerne unterhalten habe. Das macht es mir noch schwerer, seine frauenfeindlichen Positionen zu ertragen, möchte ich ihn doch eigentlich sympathisch finden und kann es plötzlich nicht mehr.

Das geht mir übrigens oft so: Ich spreche mit Menschen, die ich aus verschiedenen Gründen schätze, und treffe auf Positionen, die mir derart gegen den Strich gehen, dass ich mich vollständig hilflos fühle. Eine Stimme in mir sagt: „Mit so jemandem willst Du Dich doch nicht abgeben!“ und eine andere Stimme sagt „Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch… und wir haben alle unsere Schwächen und Stärken“. Und meistens höre ich auf Letztere.

So auch in diesem Fall. Ich werde beim nächsten Gottesdienstbesuch wieder mit Paul sprechen, aber das Thema Abtreibung vermeiden, denn ich habe in dieser Hinsicht meinen Teil getan. Ich habe meine Position dargelegt, ich habe versucht, eine Brücke zwischen den Positionen zu bauen, Verständnis für mein „Lager“ zu wecken… und bin gescheitert.

In Ordnung, dachte ich mir nach dem Gottesdienst. Auf christlicher Seite ist die Front wohl tatsächlich sehr verhärtet und ich verstehe, warum viele Nicht-Christen in meinem Bekanntenkreis mit derartigen Antipathien auf institutionalisierte Religion reagieren. Denn während die Aktivist_innen für sexuelle Selbstbestimmung Entscheidungsfreiheit propagieren (die ja Christ_innen alle Möglichkeiten lässt, ihren Werten entsprechend zu handeln), spricht die Seite der Lebensschützer den Feminist_innen Rechte ab und will sie per Gesetz zur Übernahme anderer Werte zwingen. In einem demokratischen, von der Kirche (zumindest theoretisch) unabhängigen Staat, ist dies natürlich eine völlig illegitime Forderung. Ich bin ja auch nicht umsonst Mitglied einer Freikirche: Individuelle Glaubenssätze, die auch zwischen christlichen Denominationen erheblich divergieren, haben in der Politik nichts zu suchen.

Intolerante Toleranz: Verqueere Christenhetze

Paul hatte mir berichtet, dass die Gegendemonstration den Abschlussgottesdienst der Lebensschützer erheblich und vor allem respektlos gestört hätte. Und bei allem Verständnis für die Randalierenden, deren Position ich ja grundsätzlich teile, ging mir das gegen den Strich. Freie Religionsausübung ist letztlich in diesem Land auch ein Grundrecht. Während einer Demonstration Parolen zu grölen und dem eigenen Unmut Luft zu machen, ist mehr als in Ordnung und Sinn der Veranstaltung. Ein Gottesdienst aber schadet niemandem. Ich weiß mit am besten, wie es ist, eine Predigt zu hören, die wütend macht. Das ist aber noch kein Grund, die Veranstaltung zu stören. Ebenso wenig wie es eine Rechtfertigung dafür gibt, Frauen auf dem Weg zu ihrer Abtreibung mit Plastikföten zu traumatisieren, die ihnen die folgende Freveltat vor Augen führen sollen.

Da ich ja aber nicht vor Ort war, kann ich bezüglich der Ereignisse beim „Marsch für das Leben“ kein finales Urteil sprechen. Also beschloss ich in meiner Facebook-Timeline nach Aktivist_innen zu suchen, die dem Ereignis beigewohnt hatten. Irgendjemand von meinen zahlreichen (queer)feministischen Freund_innen würde ja dagewesen sein. Mich interessierte, wie sie die „Störung“ des Gottesdienstes empfunden hatten und was die Motivation hierfür gewesen war.

„Nur ein geköpfter Christ, ist ein guter Christ“ war die erste Reaktion einer Person, nennen wir sie hier Roberta, die sich privat und beruflich für Queerness sowie sexuelle Freiheit und Selbstbestimmung engagiert. Im Grunde also ist Roberta eine Aktivistin für Vielfalt und Tolerenz, aber diese Toleranz endet ganz offensichtlich an der Stelle, an der sie auf gegenläufige Meinungen trifft. Ich war auch persönlich verletzt, hatte mein Facebook-Post doch auch enthalten, dass ich am Morgen aus Freude an der Sache im Gottesdienst gewesen war. Meine Bekannte hatte mir also quasi mitgeteilt, geköpft sei ich ihr lieber.

Als ich meiner Entrüstung dafür Ausdruck verlieh, wurde mir mangelnder Humor unterstellt. Ich möchte mal sehen, wie Roberta reagiert, wenn jemand etwas postet wie „Nur eine geköpfte Transe ist eine gute Transe“. Auch das aber war für sie kein Argument. Als Rechtfertigung für ihre unangemessene Entgleisung führte sie die vielen Gräueltaten des Christentums im Laufe der Jahrhunderte an.

Ja nun, Christ_innen haben sich seit der Gründung ihrer Religion wahrlich nicht nur mit Ruhm bekleckert und sie tun es auch heute nicht. Es gibt viele Situationen, in denen ich mich für das Verhalten anderer Christ_innen nicht nur schäme, sondern auch von tiefer Trauer überrollt werde, weil eine Religion, die Nächstenliebe predigt, missbraucht wird, um so viel Unmenschliches zu tun. Aber: Das bedeutet noch lange nicht, dass alle Christ_innen Arschlöcher sind. Das wäre so, als würde ich alle Deutschen bis zum heutigen Tag für den Holocaust verantwortlich machen. Unter dem Motto: Weil unsere Vorfahren Massenvernichtungslager betrieben haben, steht uns biƒs heute kein Respekt zu.

Es gibt immer Gründe, jemanden zu hassen, ihm jegliches Recht auf Respekt und Toleranz abzusprechen. Aber insbesondere wenn wir um Respekt für unseren eigenen Lebenswandel kämpfen, ist es verlogen, Andersdenkende zu verurteilen. Wir dürfen und müssen kritisieren, sonst entsteht auch kein Diskurs. Aber niemandem ist geholfen, wenn der Kampf für Akzeptanz der eigenen Lebensführung mit der Pauschalverurteilung einer anderen Menschengruppe einhergeht.

Ich hatte in dieser Hinsicht vor etwa zwei Jahren ein prägendes Erlebnis. Ich war in einer sexpositiven, polyamoren, bisexuellen WG zum Abendessen eingeladen und outete mich als gläubige Christin. Als ich erwähnte, dass ich durchaus Freund_innen hätte, die sich gegen Sex vor der Ehe entschieden haben, war hierfür kein Verständnis und nicht einmal Akzeptanz zu holen. Die Position meiner Freund_innen wurde pauschal als idiotisch und falsch verurteilt. Dass Menschen mit einer anderen Lebensführung als polyamorem Rudelbums glücklich werden könnten, war undenkbar und inakzetabel. Die Antipathien meiner Gastgeber_innen gegen das Christentum wurzelten wie so oft in Erfahrungen von Diskriminierung und Ablehnung – wofür ich großes Verständnis habe. Doch war ihre Position diskriminierender und ablehnender als ich es jemals von meinen Freund_innen aus dem christlichen Umfeld vernommen hatte – und das wiederum ist in meinen Augen verlogen.

Gleiches mit Gleichem – Oder warum niemand Frau Petrys Auto anzünden sollte

Die AfD macht mir Angst, aber noch mehr Angst machen mir AfD-Wähler. Ich frage mich, ob sie jemals ein Geschichtsbuch in den Händen hielten, noch ein Gehirn besitzen oder vielleicht direkt aus der Hölle gesandt wurden. Ja, ich habe solche Gedanken – böse, hasserfüllt, aggressiv. Aber als vernunftbegabtes Wesen weiß ich, dass auch AfD-Wähler Menschen sind, die Ängste und Sorgen haben, die natürlich nicht vom Teufel persönlich instruiert werden, sondern nach ihrem – wenn mir auch schwer zugänglichen – besten Wissen und Gewissen handeln.

Es gibt Menschen, die finden es toll, dass jemand Frauke Petrys Auto angezündet hat. Ich fühle mich ein wenig wie im Film „The Purge“, der ein dystopisches Szenario zeichnet, innerhalb dessen der Frieden der USA damit aufrecht erhalten wird, dass sich alle Menschen einmal im Jahr im Zuge einer aggro-anarchischen Nacht gegenseitig abschlachten dürfen. Einfach raus mit den Aggressionen. Eine herrliche Katharsis.

Ich bin mir sicher, es ist eine Genugtuung Frau Petrys Auto anzuzünden, aber helfen tut es niemandem. Gegengewalt kann per Definition keinen Frieden schaffen und wir machen uns unglaubwürdig, wenn wir Menschen für etwas kritisieren, zum Beispiel für Aggressionen gegenüber Andersdenkenden, das wir dann selbst ausagieren. Zudem nährt es eine Märtyrermentalität, die übrigens jener der Lebensschützer sehr ähnlich ist. Der fehlende Respekt, Anfeindungen und Ausgrenzung, bestätigen sie nur darin, dass etwas mit der Gesellschaft grundlegend nicht in Ordnung ist. Damit haben AfD-Wähler und Lebensschützer sogar Recht, nur glaube ich nicht, dass sie mit ihrer Herangehensweise daran etwas ändern können. Darum geht es in diesem Fall aber auch nicht. Es geht darum, dass sich mit dieser Art der Reaktion, verbaler und nonverbaler Gegengewalt, die bestehenden Fronten immer weiter verhärten und sich die Menschen hinter diesen Fronten immer weiter radikalisieren.

Ich fühle mich ständig, wie von Pulverfässern umgeben, die jeden Moment explodieren können, von blindem Hass, hinter dem sich kaum mehr Verstand, vor allem aber keine Nächstenliebe verbirgt – und zwar auf keiner Seite. Der Hass, der allen aus den Poren quillt – seien es Lebensschützer, Feminist_innen, AfD-Anhänger, Rechte, Linke, Christ_innen, Jüd_innen, Muslim_innen -, ist pechschwarz und stinkend. Ich habe das Gefühl zu ersticken, weil er vor allen Seiten kommt, nicht aufzuhalten ist, immer nur wächst und wächst und wächst…

Wenn wir auf diesem Weg weiterlaufen, im Großen und im Kleinen, gelangen wir nur zu einem einzigen Ort: auf ein Schlachtfeld. Wenn wir uns weiterhin von allem bedroht fühlen und aus vermeintlicher Notwehr blind um uns schlagen, treffen wir irgendwann auch die Menschen, die wir lieben – oder einmal geliebt haben. Parteien wie die AfD wollen genau das: Hass und Angst schüren. Der einzige Weg ihnen entgegenzutreten, ist dieses Spiel nicht mitzuspielen, sich nicht aufwiegeln zu lassen. Lasst uns diesen Gruppen, die unsere Freiheiten bedrohen und menschenfeindliche Gesetze durchsetzen wollen, nicht in die Hände spielen, ihnen keine Argumente liefern.

Denn noch mal: Gegenwalt kann keinen Frieden schaffen!

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