Ich bin schwul – ich darf das!

Spätestens seit „Sex in the City“ braucht jede Frau*, die etwas auf sich hält, einen schwulen Freund. Ein schwuler Freund, so besagt es der Volksmund, ist eigentlich die bessere beste Freundin. Ein schwuler Freund kennt sich mit Männern* aus (und das auf subjektiver und objektiver Ebene), er hat Modegeschmack (in meinem Fall deutlich mehr als ich selbst), er trinkt gerne Latte Macchiato und sprudelnde Alkoholika (und verträgt unter Umständen noch weniger als man selbst) und vor allem ist der schwule Freund endlich mal ein Mann*, der die Frauen* versteht. Ich warte immer noch auf den Kurs: „Frauen* verstehen für Heteros und Fortgeschrittene“.

Ich habe auch einen schwulen Freund. An dieser Stelle würde ich gerne kreischenden Applaus vom Tonband einblenden, geht aber nicht, also müsste Ihr denn Euch denken. Also noch mal:

Ich habe auch einen schwulen Freund *klatschen jubeln*. Gestern Abend nahm ich mit selbigem eine Flasche sprudelnden Alkohols ein und klatschte und tratschte nach allen Regeln der Kunst. Teil dieses Abends war auch eine Videokonferenz mit einem weiteren schwulen Mann* – zu diesem Zeitpunkt hatten wir schon einen gehörigen Schwips.

Ich war trotzdem schockiert! Schule Männer* machen abfällige Witze über Frauen, sie sind wahnsinnig obszön, sie belächeln Heteros und haben einfach keine Schmerzgrenze in diesen drei Kategorien.

Was lernen wir daraus? Der schwule Freund ist nicht die bessere beste Freundin! Denn wer will denn eine beste Freundin haben, die derart vulgär ist, chauvinistische Witze reißt und sich über heterosexuelle Männer* lustig macht (ok, letzteres tun wir Frauen* natürlich auch permanent, aber das bietet sich ja auch einfach an!). Vermutlich würde man sie entweder für eine Lesbe, für eine Schlampe oder einfach nur für dumm halten. Wobei ich mit „dumm“ hier einen IQ meine, der deutlich unter dem von Forrest Gump liegt.

Also was ist der Unterschied zwischen einem schwulen Freund und einer besten Freundin? Der schwule Mann* an sich darf alles! Und warum? Weil er schwul ist! Damit hat er sich – zumindest in den Augen vieler Menschen – sowieso schon an den Rand der Gesellschaft und in ein Abnormen-Kabinett befördert. Dort einmal angekommen ist es sowieso egal, wie sehr er auf die Kacke haut, mensch erwartet es ja geradezu von ihm, sich daneben zu benehmen, damit eins hinter vorgehaltener Hand ganz politisch unkorrekt flüstern kann: „Die Schwulen sind doch alle pervers!“

Ehrlich gesagt: ich wär’ auch gern schwul. Dann könnte ich politisch unkorrekte Witze über Männer*, Frauen* und auch über Schwule machen, ohne dass es mir jemand krumm nimmt. Ich könnte so vulgär sein, wie ich will, ohne als billig betitelt zu werden. Ich könnte stundenlang über Mode, Schminke und den nackten Oberkörper von Brat Pitt sprechen, ohne dass jemand von meinem Weiberkram genervt wäre. Dann könnte ich jedes Mal, wenn jemand mir gegenüber den belehrenden Zeigefinger hebt einfach sagen: Ich bin schwul! Ich darf das!

Und insofern ist der schwule Freund dann doch wieder die bessere beste Freundin. Denn mit einem schwulen Freund, darf eins all das mitmachen, ohne Zeigefinger, gesellschaftliche Diskreditierung und Verlust der Selbstachtung.

Dieser Artikel gefällt Dir nicht?
Ich habe einen schwulen Freund! Ich darf das!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>