Gesucht: Das Muttertier im Mann*

Ich habe Grippe. Das ist ziemlich scheiße, aber nicht zwingend das Thema dieses Artikels. Viel interessanter ist nämlich, dass mein Partner auch Grippe hat. Das ist nicht deshalb spannender, weil mein Partner sich männlich* identifiziert, sondern weil ich anhand unserer gemeinsamen Erkrankung eine interessante Beobachtung gemacht habe: Ich bin ein Muttertier.

Das mag für viele jetzt nichts Besonderes sein, aber da ich keine Kinder habe und sich das auch in absehbarer Zeit nicht ändern wird, verleugne ich in der Regel sehr aktiv meine Mutterinstinkte. Kein klassischer Babyblick auf das Neugeborene von Freund_innen, kein „Darf ich sie_ihn mal halten?“ Ich halte mich von Kindern so fern wie möglich, denn sie könnten mich ja daran erinnern, dass ich mir mein Leben mal ganz anders vorgestellt hatte (ja, es gab tatsächlich mal eine Zeit, da wollte ich Hausfrau* und Mutter sein, was ich noch immer für eine ehrenvolle Aufgabe halte, aber das Leben ist eben eine Pralinenschachtel – das wusste schon Forest Gump – und voller Überraschungen). Aber ich kann meine Sozialisation nicht verleugnen und in bestimmten Situationen bricht es dann doch aus mir heraus: das Muttertier. Es ist ein wenig furchterregend, weil sehr dominant, gleichzeitig aber auch sehr liebenswert, weil fürsorglich.

Das Ganze spielte sich so ab: In dem Moment, in dem ich realisierte, dass mein Partner noch kränker war als ich, begann die Metamorphose. Tee kochen, Wadenwickel machen, Brote schmieren, Nacken kraulen, nassgeschwitzte Laken wechseln, Vitamin-Cocktails brauen, Medikamente verabreichen, Hörspiele organisieren, Arzttermine ausmachen… Ich war gar nicht mehr zu stoppen bis endlich der vorprogrammierte völlige Erschöpfungszustand eintrat und mich daran erinnerte, dass ich ja eigentlich selbst noch krank war.

„Woher weißt Du denn das alles?“ japste mein Partner fiebrig zwischen Ingwertee und Thymianinhalation. Ja, woher weiß ich das eigentlich? Ich habe keinen „Männer* pflegen für Anfänger_innen und Fortgeschrittene“-Kurs belegt und ich kann mich auch nicht entsinnen, meiner Mutter oder Oma bei ihren Pflegetätigkeiten besonders gut zugesehen zu haben, denn eigentlich habe ich mich für die klassisch weiblich konnotierten Tätigkeiten (kochen, putzen, nähen) nie sonderlich interessiert. Aber natürlich wurde ich schon mehrfach selbst von den eben benannten Frauen* gepflegt. Mein Partner selbstredend auch (natürlich nicht von meiner Mutter, sondern seiner) aber er hat sich die Tipps und Tricks der Krankenpflege nicht eingeprägt. Und der Grund dafür liegt eigentlich auf der Hand.

Mein Großvater nahm mich immer gerne mit in seinen Werkraum. Dort durfte ich schnitzen, Löcher bohren, sägen und viele andere lustige Dinge machen. Wenn mir heute jemand einen Werkzeugkoffer in die Hand drückt, weiß ich damit ohne IKEA-Bauanleitung jedoch nichts anzufangen. Ich habe es mir einfach nicht gemerkt, was mir mein Opa einst erklärte, genauso wenig wie sich mein Partner gemerkt hat, wie mensch eine Grippe zum Teufel jagt. 

„Eines Tages wirst Du bereuen, dass Du Dich nie dafür interessiert hast!“ Das ist so ein Lieblingssatz meiner Mutter und wie mit vielen Muttersätzen ist das Schlimme daran: Sie hat Recht. Tatsächliche bereue ich es, ihr beim Kochen und Nähen nicht besser zu geschaut zu haben. Was ich aber noch viel mehr bereue, ist, dass ich noch immer nicht mit einer Bohrmaschine umgehen kann, obwohl ich schon zahllose Male dabei zugesehen habe, wie männliche* Verwandte oder Bekannte souverän damit hantierten. Ich bereue auch, dass mir ein Sicherungskasten noch immer Angst macht, weil ich keine Ahnung von Elektrizität habe und mich bei jeder Lampenmontage fühle wie bei einer Bombenentschärfung. Und all diese Fähigkeiten fehlen mir nicht deshalb, weil ich Brüste und eine Vagina habe oder weil ich mich als Frau* definiere. Sie fehlen mir, weil ich in dem Bewusstsein aufgewachsen bin, dass mich diese Dinge nichts angehen. Beim Handwerken hat meine Mutter – alleinerziehend und handwerklich begabt – niemals mein Interesse eingefordert.

So wie ich also damals nicht richtig aufgepasst habe, hat mein Partner beim Gepflegtwerden nicht richtig aufgepasst, vermutlich aus genau demselben Gefühl heraus, nämlich dass ihn diese Tätigkeiten nichts angingen. Dass Care-Arbeit, wie wir heute Pflegetätigkeiten im beruflichen und professionellen Umfeld nennen, noch immer Frauen*sache ist, gehört zu den hartnäckigsten Sexismen unserer Gesellschaft. Es wird zum Beispiel viel über den Zusammenhang zwischen schlecht bezahlter Care-Arbeit (Alten- und Krankenpflege, Kinderbetreuung, etc.) und dem weiblich* dominierten Berufsfeld gesprochen. Ist Care-Arbeit schlechter bezahlt, weil sie von Frauen* verrichtet wird oder verrichten Frauen* Care-Arbeit, weil Männer* lieber besser bezahlte Berufe ausüben? Ich würde sagen, Frauen* verrichten Care-Arbeit, weil sie dazu erzogen wurden!

Vergangenen Sommer war ich mit meinen Cousins und Cousinen in Italien, wo ein Teil meiner Familie lebt. Meine feministische Arbeit zog sich als Running Gag durch den Urlaub, sorgte aber auch immer wieder für spannende Gespräche, insbesondere mit meinem Cousin B. Ich verwies ihn auf einen englischen Artikel, in dem dargelegt wurde, wie Männer* in ganz alltäglichen Situationen zu mehr Gleichberechtigung beitragen können. Darunter befand sich auch der Punkt: „Be responsible for your own health“. Und es war genau dieser Punkt, der B. schließlich überzeugte. Zehn Minuten vorher hatte ich ihn nämlich noch darauf hingewiesen, dass wir auf seinem Sonnenbrand heute Abend ein Ei braten könnten, wenn er sich nicht langsam eincremen würde. Und B. ärgerte sich rückblickend. Nicht über meinen mütterlichen Hinweis, sondern darüber, dass er nicht selbst auf die Idee gekommen war. 

Und es stimmt. Ich habe schon zahlreiche Diskussionen mit Partnern, Liebhabern und Freunden über gesundheitliche Themen geführt, über die Notwendigkeit eines Schals im Winter, einer Kopfbedeckung im Sommer, eines Glases Orangensaft in der Grippe-Zeit und so weiter und so fort. Nicht weil Männer* zu doof wären, sich selbst eine Mütze zu kaufen, sondern weil viele daran gewöhnt sind, dass es ihnen schon eine sagen wird, wenn es kalt, nass oder sonnig ist. Diese Art von (Selbst)Fürsorge ist eine Tätigkeit, die sie nichts angeht. Und nicht nur das: Viele Männer*, so meine Erfahrung, genießen die mütterliche Zuwendung durch eine starke Frau auch in vollen Zügen und das hat entgegen aller Behauptungen überhaupt nichts mit einer feministischen Überzeugung zu tun. Hier geht es nicht um ein reflektiertes Zugeständnis von Schwäche, sondern um die Perpetuierung einer frühkindlich erfahrenen Rollenverteilung: die Frau* pflegt, der Mann* krankt.

Aber zurück zu meiner Grippe. Mein Freund hat sich, sobald ich sein Fieber erfolgreich mit Wadenwickeln und Ibuprofen bezwungen hatte, in den Urlaub aufgemacht und mich mit meiner Grippe zurückgelassen. Aber zum Glück gibt es auch in meinem Leben eine starke Frau*, die mich mit Nahrungsmitteln und Fürsorge gesund gepflegt hat: meine Mama. Dennoch: Ich bin bereit für den Rollenwechsel. Ich gelobe feierlich, beim nächsten Handwerkseinsatz ganz genau zuzuschauen und mich nicht mehr kategorisch mit „Das kann ich nicht“ vor dem Wechseln der Glühbirne zu drücken. Und dafür wünsche ich mir Wadenwickel, Hühnersuppe, Ingwertee und Nackenkraulen von einem starken Mann*. Bewerbungen werden ab jetzt entgegen genommen!

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