Diss-Kret

Apotheken sind der Geburtsort der Indiskretion. Während in anderen Geschäften, beispielsweise in der Bank, eine Bodenmarkierung höflich darauf hinweist, dass zum Vordermenschen Abstand gehalten werden soll, steht in der Apotheke garantiert der_die nach Dir wartende Kund_in quasi schon in Deinen Hacken. Dabei will eins doch gerade in der Apotheke ungestört mit dem Personal reden. In der Bank ist es mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob die Frau* hinter mir mitbekommt, dass ich mein Konto auflösen möchte. Beim Einkauf von Medikamenten soll aber nicht unbedingt jeder wissen, was ich bestelle.
Man sollte ja meinen, dass wenigstens die Angestellten der Apotheke versuchen, Diskretion zu bewahren. Aber nicht doch! Erst gestern rief die junge Dame* hinterm Thresen bereits den nächsten Kunden heran, als ich noch dabei war, meine Tabletten in meiner Handtasche zu verstauen. „Was kann ich für sie tun?“ fragte sie den Mann mittleren Alters. „Äh… Grippe… äh!“ Ich hoffe stark, er hatte wirklich Grippe und ist nicht einfach nur zu verklemmt gewesen, um in meiner Gegenwart nach einem Hämorrhoiden-Mittel zu fragen. Sonst sitzt er nämlich gerade einsam auf dem Klo und versucht sich Grippostad in den Anus einzuführen. Traurige Vorstellung.
Aber nein, ich mache mich nicht über andere Leute lustig. Mir selbst ist es schon ähnlich ergangen. Und nachdem die Pharmazeutisch-Technische-Assistentin meine Schmach schon durch die ganze Großraumapotheke gebrüllt hat, kann ich das ja auch bloggen – peinlicher wird’s nicht mehr:
 
Ich bin ja immer froh, dass mensch bestimmte Produkte gar nicht namentlich nennen muss, weil sie ja ohnehin auf dem Rezept stehen, das man wortlos über die Theke reichen kann. Aber zu früh gefreut. Die Bedienung holt die Vaginaltabletten und fragt mich in durchschnittlicher Lautstärke, ob ich wisse, wie man diese verwende. „Jaja, das hat mir die Ärztin gesagt“, informiere ich sie schnell bevor das geschieht, was sich nun leider nicht mehr vermeiden lässt. Sie erhebt die Stimme und brüllt durch den ganzen Laden: „Sie müssen die Tabletten gaaaaaaanz tiiieeef in die SCHEIDE einführen.“ Na, danke. Jetzt hat auch der schwerhörige Opa am Ende der Schlange verstanden, warum ich hier bin.
Ganz ehrlich: muss das denn sein? Ich frag doch auch nicht in Ruftonlautstärke die weibliche* Bedienung mit dem weißblonden Stoppelhaarschnitt, ob sie wohl eine sexuell frustrierte, sadistische Kampflesbe sei, die mich hier vor aller Augen zu ihrer eigenen Erbauung erniedrigt!
In Deutschland haben wir einfach ein Dienstleistungsproblem. „Kunden vergraulen für Fortgeschrittene“ – ob das wohl ein Pflichtmodul im Bachelor-Studiengang Pharmazie ist? Mich wundert ja heutzutage nichts mehr…

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