Wenn Sammeln Leiden schafft

Die Zeiten, in denen Frauen* nur der Schatten ihres Mannes* waren, sind vorbei. Heute erzählte mir meine Großmutter wie sie nach 12 Jahren Hausfrauen*-Dasein an sich selbst beobachtet hatte, ihre Selbstsicherheit nur aus der Präsenz ihres Gatten zu generieren. Sie tat einen bewundernswerten Schritt: Mit 40 Jahren stieg sie noch einmal ins Berufsleben ein, übernahm eine aktive Position in der Partei ihrer Wahl und entwickelte diverse Hobbys. Heute ist sie der weitaus aktivere Part der Beziehung und wenn überhaupt ist es mein Großvater, der zu Hause sitzt und sehnlichst auf die Rückkehr seiner Gattin wartet.
 
Die Beziehungen von heute funktionieren anders. Frau* wartet nicht mehr bis kurz vor den Wechseljahren, um ein eigenes Leben zu beginnen. Vielmehr höre ich in meinem Bekanntenkreis gehäuft Beschwerden wie „Mein Mann* hat überhaupt keine Hobbys. Immer nur hockt er vor dem PC.“ Oder: „Wenn ich vorschlage, etwas gemeinsam zu unternehmen, deutet er stumm auf unsere DVD-Sammlung und wartet, dass ich das Popcorn in die Mikrowelle stecke.“
 
Ja, in meinem Bekanntenkreis sind die Männer* die Sesselpupser, während die Frauen* sich aktiv in einem großen Freundes- und Bekanntenkreis bewegen, zahlreichen Freizeitbeschäftigungen nachgehen, sich weiterbilden und aktiv an ihrem Karriereweg arbeiten. Nebenbei sind sie Elternsprecherinnen, geben ehrenamtlich Nachhilfe für sozial benachteiligte Kinder und konsultieren esoterische Heiler_innen zum Zwecke geistiger Entfaltung. Ihre Männer* beschweren sich nicht und genießen die Ruhe im Haus.
 
Aber die Frauen* beschweren sich. Als sie ihren Partner kennenlernten, ging dieser noch regelmäßig in die Disco, war sportlich aktiv und zahlreiche Diskussionen drehten sich nur darum, an wie vielen Abenden pro Woche es angemessen sei, sich mit seinen Kumpels in der Stammkneipe zu betrinken. Mit Schrecken schauen wir jetzt auf unsere lethargischen Männer*, für die das Verlassen der Wohnung am Wochenende zu einem unliebsamen Pflichtprogramm geworden ist.
 
Woran liegt das? Eigentlich ist alles ganz einfach, wie mir neulich ein Kollege erklärte. Der Mann* ist nämlich ein Jäger: Hat er seine Beute erlegt, lehnt er sich zurück und präsentiert seine Trophäen: meine Frau*, mein Haus, mein Auto. Solange er damit anerkennende Blicke seiner ehemaligen Saufkumpanen erntet, ist die Welt für ihn in Ordnung. Erhält er diese Bestätigung nicht, versucht er eine dieser Kategorien zu optimieren. Das passiert meist um die 50 und konzentriert sich auf erstgenannte Jagdtrophäe. Aber das ist ein anderes Thema.
 
Die Frau* hingegen ist eine Sammlerin. Es ist für sie nicht mit einem Ausflug in den Wald getan, ein paar Beeren sind nicht genug, denn vielleicht warten hinter dem nächsten Busch auch ein paar Pilze. Immer wieder zieht sie aus, sammelt Bildung, Freundschaften, Hobbies, Sprachen, Reiseziele… einfach alles, was es im Leben so zu sammeln gibt. Erst wenn ihre Handtasche voll ist – und wir sprechen hier von einem Beutel schier unendlichen Ausmaßes á la Marry Poppins – kann sie zur Ruhe kommen.
 
Mann* kann das natürlich nicht verstehen. Beschwert sie sich, dass die gemeinsamen Aktivitäten zu rar gesät seien, argumentiert er dagegen. „Wir waren doch vor einem halben Jahr erst gemeinsam im Kino.“ – „Ja“, entgegnet sie genervt, „ich habe den Film ausgesucht, ich habe bezahlt und dann bist Du auch noch eingeschlafen.“ – „Stimmt, aber die ersten 5 Minuten waren echt gut.“ Jaja, bei vielen Männern sind 5 Minuten gemeinsamen Spaßes eben bei den unterschiedlichsten Aktivitäten vollkommen ausreichend…
 
Was tun? Nichts. Gegen die Natur kann mensch nichts machen. Frau* kann lediglich in den gerade eingesammelten, sauren Apfel beißen und sich dazu bereit erklären, in regelmäßigen Abständen, Pärchenkacke-Abende zu organisieren. Sie legt ihrem Männchen* dann einfach einen möglichst genauen Ablaufplan hin (18:30 Uhr: Haus verlassen; 19:00 Ankunft Kino, 19:10 noch mal Pipi gehen…) und hofft darauf, dass nicht just an genau diesem Tag der einzige Männer*abend des Jahres ansteht. „Du hast doch gesagt, ich soll mehr unternehmen“, sagt er dann zu seiner Verteidigung, „Du weißt echt nicht, was Du willst. Wie soll man euch Frauen* nur verstehen?“
 
That’s life. Take it or leave it.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>