Wenn man einen Arm hat, braucht man keinen „dislike“ Button

Heute habe ich erfahren, dass eine Facebook-Freundin von mir gestorben ist. „Facebook-Freundin“ ist in diesem Fall wirklich die einzig richtige Beschreibung, denn ich hab sie seit dem Abitur nicht gesehen und auch in unserer gemeinsamen Schulzeit beschränkte sich unsere Interaktion weitgehend darauf, durch unsere identischen Vornamen unseren eh schon überforderten Physiklehrer in den Wahnsinn zu treiben. 
 
Ich könnte hiermit einen Artikel einleiten, wie es schon viele gegeben hat: Facebook-Freunde sind ja gar keine richtigen Freunde, unsere sozialen Beziehungen werden nicht virtualisiert, sondern verkümmern kläglich, wir werden einsame PC-Wölfe, die die Körperpflege vernachlässigen, weil sie nicht mal mehr zu einem Date das Haus verlassen müssen.
 
Nein.
 
Mir geht es um etwas anderes.
 
Die Nachricht über ihren Tod kam überraschend. Wie auch nicht, denn den Facebookstatus „… ist gerade verstorben“ kann es ja aus rein administrativen Gründen nicht geben. Aber was es doch eigentlich sehr wohl geben kann, ist der Status „… ist todkrank“. Den gibt es aber nicht. Grundsätzlich nicht.
 
Ich will mich nicht dazu erheben, zu erklären, warum meine Facebook-Freundin etwas derartiges nicht gepostet hat. Dafür kannte ich sie und ihre Lebensumstände zu wenig. Aber ich kann Vermutungen anstellen, warum es Themen gibt, die bei aller Transparenz unter den Tisch fallen.
 
Warum posten wir, wie wir gestern Nacht auf dem Klo geschlafen und das Bad vollgekotzt haben, weil „das letzte Bier schlecht war“, aber nicht, dass wir schwer krank sind und uns Beistand erhoffen?
 
Ich musste mehrfach die Erfahrung machen, dass negative Statusmeldungen einfach nicht besonders beliebt sind. Schon vor einigen Jahren, als ich die Informationen über mein Befinden noch über meinen Skype-Status publizierte, konfrontierte mich eine gute Freundin damit, dass es sie zu stark belaste, ständig davon zu lesen, wie schlecht es mir ginge. Dass es mich wohlmöglich deutlich mehr belastet, wenn es mir über längere Zeit schlecht geht, war kein Argument. Ein weiteres Mal wurde ich vor kurzem auf eine längere Serie von schlechten Nachrichten in meinem Facebookaccount angesprochen: „Das machst Du doch mit Absicht, oder?!“ Zuerst einmal: Natürlich mache ich das mit Absicht, denn aus Versehen und von alleine schreibt sich ein Status-Update nicht. Aber zweitens: Nein, ich suche mir nicht aus, dass mir in einer spezifischen Lebensphase am laufenden Band negative Erlebnisse die Stimmung verderben. Habe ich kein Recht darauf, das zu kommunizieren, so wie Du das Recht darauf hast, ständig Deine beruflichen und privaten Erfolge zu publizieren?
 
Nein. Habe ich nicht.
 
Ich lese gerade ein Buch von Juli Zeh, die ich auf Grund ihrer schriftlichen Eloquenz immens bewundere, in dem es um eine Zukunftsvision eines auf Gesundheit beruhenden Staatssystems geht. Gesundheit wird als Normalität definiert, Krankheit ist kriminell. So weit sind wir sicher noch nicht, aber die Richtung ist längst eingeschlagen. Und das ist nicht mal ein Phänomen meiner Generation. Noch vergangenes Wochenende tönte meine Großmutter beim gemeinsamen Familienessen, jegliche Sucht sei einfach nur ein Zeichen von Charakterschwäche, eine biologische Prägung schließe sie trotz wissenschaftlicher Belege kategorisch aus. Da ist es kein Wunder, dass Teile meiner Familie sich in 3 Jahren Krankheitsgeschichte, nicht einmal zu einem „Gute Besserung“ durchringen konnten. Wer krank ist, ist selber schuld. Denn wer krank ist, ist schwach. Und schwach sein ist schlecht. Stark muss der Mensch sein. Stark, gesund und glücklich.
 
Aber es steckt natürlich noch viel mehr hinter dem Facebook-Phänomen. Abgesehen davon, dass jede_r nur ihr_sein positives Selbst präsentiert, um bei anderen nicht auf Grund seiner_ihrer Schwäche in Ungnade zu fallen, sind Negativmeldungen noch aus zwei anderen Gründen unattraktiv:
 
1. Sie machen keinen Spaß. Wenn jemand eine witzige Anekdote aus dem Alltag erzählt, können wir lachen, sie beim abendlichen Bier unter Freund_innen weitererzählen und noch mehr lachen. Eine Negativmeldung erinnert uns nur daran, dass das Leben kein Ponyhof ist. Und das wissen wir ja eh schon viel zu gut.
 
2. Eine Negativmeldung würde unter Umständen eine Reaktion verlangen. Postet jemand „… hat heute einen suuuper Käsekuchen gebacken“ klicken wir „gefällt mir“ oder schreiben „gibst Du mir was ab?“. Aber wenn jemand schreibt „… ist traurig, weil sie nun schon die dritte Woche das Bett nicht verlassen kann“, dann müsste mensch unter Umständen noch über ein „Du Arme“ hinausgehen und einen Krankenbesuch machen. Mensch müsste plötzlich Verantwortung übernehmen und Freundschaftsdienste leisten. Wir müssten das Verhaltensrepertoire von Facebook, das sich auf Klicken und Tippen beschränkt, verlassen und wieder ganzer Mensch und nicht nur Foto sein. Denn virtuell kann eins niemandem einen Tee kochen und auch niemanden in den Arm nehmen.
 
Die Lösung? Wie so oft muss ich erkennen, dass ich zwar Probleme erkennen, sie aber niemals lösen kann. Es bleibt mein Plädoyer, den Mut zu haben, auch Depressionen, chronische Krankheiten und Verluste zu publizieren, vorausgesetzt, du bist der Typ Mensch, den es nach Transparenz dürstet. Und bist du das nicht, dann bitte ich wenigstens um das bisschen Respekt, die mutigen Menschen nicht dafür zu bestrafen, dass sie etwas Besonderes wagen: das Verbrechen zu begehen, um Hilfe zu bitten.

2 thoughts on “Wenn man einen Arm hat, braucht man keinen „dislike“ Button

  1. biggispinnt

    Liebe Sophie,
    ich habe mir über ähnliche Themen auch schon Gedanken gemacht…das ging schon vor meiner facebookzeit los als ich auf ein und wie gehts, nicht das von mir gewohnt fröhliche ja danke gut am Telefon von mir gab..gut es war auch nur der Mann einer Freundin, der was nettes sagen (und wohl auch hören wollte)
    also fast so wie in einem amerikanischen Supermarkt..
    zurück zu facebook und den Status-hilferufen, ich finde den Umgang damit auch schwierig, wenn sie mich wie du hoffentlich weißt auch nicht ärgern und ich ja mittlerweile beschlossen hab meinerseits weniger internetransparent zu sein, da ich das gefühl habe damit einen gewissen Voyeurismus damit zu fördern, ich es irgendwie nicht mag wenn viele interessiert über mich lesen und mich dann Wochen oder auch Monate darauf ansprechen, wenn man sich dann doch mal in natura sieht. Irgendwie mag ich keine häufige Ruferin sein und warten was passiert und ich finde um wieder ein paar Abschnitte höher zu hopsen es leichter auf direkte persönliche Hilfebitten zu reagieren.
    Doch glaube ich, dass viele bei facebook & co sich Entertainment wünschen vielmehr suchen und Dramen sind ja in unserer Zeit weniger gefragt. Ich wünsche dir als eine der Pionierinnen eines besonderen Facebook-gebrauchs alles GUTE

  2. Puppetstranger

    Liebe Sophie,

    ich weiß, dass dies hier ein älterer Blogbeitrag ist, aber soweit ich weiß, haben Blogeinträge kein Verfallsdatum. Darum werde ich hier (zum ersten Mal) antworten – auch wenn ich mir schon einmal ein gehässiges Kommentar wegen dem Alter des Blogs gefallen lassen musste.

    Aber es ist nun mal so, dass viele Themen einfach nicht verjähren und auch heute noch Bestand/Aussagekraft haben.

    So wie dieser hier.

    Es ist schon ein Weilchen her, dass ich einen Facebook Account hatte. Okay, ich habe ihn immer noch, da man den leider nicht löschen kann, aber ich melde mich nicht mehr dort an.
    Generell bin ich skeptisch gegenüber den „Social Media“, wie man sie so schön nennt, besitze allerdings einen Twitter Account, und das hat mehrere Gründe.

    Facebook ist für mich nichts anderes als ein Zustand. Und leider kein guter.
    Der Humor ist tief, jeder postet Meldungen, die noch weiter unter der Humorlatte liegen.
    Ganz abgesehen von der Art Facebooks, Dateien zu verwalten… aber gehen wir da nicht zu sehr darauf ein.

    Es ist nicht mein Ziel, jemanden zu meiner Meinung zu missionieren. Leben und leben lassen, jeder soll tun, was er möchte.

    Meine persönlichen Erfahrungen sind jedoch, dass es sich bei Facebook tatsächlich um ein reines Unterhaltungsnetz handelt. Ernst Beiträge? Pff. Wer möchte schon ernste Beiträge?
    Dabei hat das möglicherweise und laut meiner Erfahrung nicht einmal so viel damit zu tun, dass solche Beiträge als Erinnerung an die Härte des Lebens angesehen wird. Nein, es geht wohl doch auch um die simple Tatsache … dass solche Beiträge zum nachdenken anregen.

    Und leider ist das ein oftmals noch größeres Problem, als, wie von dir so schön und richtig beschrieben, dadurch Mensch werden zu müssen und Verantwortung zu zeigen.
    Mein Eindruck ist folgender: Unsere Gesellschaft gedeiht im wachsenden Ausmaß daran, den eigenen Spaßlevel möglichst bis zur Schmerzgrenze zu erhöhen. Man sieht doch genug Anzeichen dafür. Ballermann, Saufen bis zur Bewusstlosigkeit, etc.

    Da dieses Thema zu weit führen würde, breche ich hier ab. Du wirst schon verstanden haben, was ich damit sagen möchte.

    Das schlimme ist nur, dass das bedeutet: Schon ein Gedankenanstoß in Richtung unschöner Themen ist nicht geduldet. Da sind wir noch nicht einmal bei dem Moment, in dem dem Kontrierten klar wird, dass er eigentlich dazu aufgerufen ist, zu handeln.

    Ich spreche da als Betroffene. Mein Leben war nach meiner Diagnose nicht mehr dasselbe. Dieser 'schlechte' Input, musste aber natürlich raus, als Output. Auf Twitter scheint es (noch) geduldet zu werden, wenn man sich nicht immer Friedefreudeeierkuchen gibt. Dabei habe ich hier das wichtige in Klammern gesetzt. Noch.
    Oder erkennt jemand eine Gegenströmung?
    Ich leider nicht.

    Gut, zumindest zählt mein direkter Freundeskreis nicht dazu. Aber hier sind auch mehr als die Hälfte selbst einmal von einer immensen Krise betroffen (gewesen). Sie haben etwas wichtiges gelernt, gezielt das, worum es hier eigentlich wirklich geht.
    Courage.

    Ich denke, mehr Courage könnte jedem von uns gut tun. Wir sind alle eins, aber zu jeder Masse gehört das Individuum. Und ich weiß schon, es ist weit aus bequemer, den Arsch im Warmen zu haben – was macht man sich schon Gedanken, hauptsache MIR geht es gut.
    Aber jeder von diesen Menschen soll einmal warten auf den Tag, an dem es ihm nicht gut geht. Und dann ist das ganz schön beschissen, nicht wahr?

    Zusammenhalt. Klingt utopisch, ist es in der jetzigen, oberflächlichen Zeit auch. Ich erkenne das Problem, eine direkte Lösung gibt es aber nicht.
    Ich kann nur eines tun: Diesen, fast verloren gegangenen, Wert in meinem Freundeskreis aufrecht erhalten. Da sein. Auch mal das Händchen halten, sei es auch nur einmal zu viel.
    Besser als immer wieder zu wenig und zu zusehen, wie die Selbstmordrate steigt.
    Die Welt kann man damit nicht retten. Aber vielleicht ein bisschen Hoffnung sähen…

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