„Von Edwards und Jacobs“ oder „Die Tücken der verlängerten Pubertät“

Es geht ein Wahn durch die Welt, ein Wahn namens Twilight, eine schier unerklärliche Begeisterung über eine von einer konservativen Mormonin verfasste Teenager-Liebesgeschichte, in der sich ein Mädchen* ohne Selbstvertrauen in einen Vampir verliebt und von ihrem Werwolf-Kumpel umworben wird. Ziemlich absurd, oder?!

Mitnichten! Ich habe intensiv darüber nachgedacht, woher die Faszination dieser haarsträubenden Erzählung stammt, die – ich gestehe – auch mich betrifft. Abgesehen von romantischen Kitschfantasien und nostalgischen Erinnerungen an die erste große Liebe ist mir aufgegangen, dass die beiden Männer*typen, die die Romanreihe uns präsentiert, aus dem echten Leben stammen. Nicht umsonst gruppieren sich die Fans in sogenannten Teams, um entweder dem melancholischen Vampir oder dem heißblütigen Werwolf zu frönen. Vielleicht geht es zu weit, aber ich möchte behaupten, dass diese Art von Positionierung ein fester Bestandteil der – in manchen Fällen etwas länger geratenen – Pubertät darstellt.
 
Edward, der Vampir, steht für einen Typ Mann*, der durch Zurückhaltung besticht, die wir auf den ersten Blick zuweilen als Desinteresse interpretieren. Er ist in sich und seiner zweifelhaften Existenz gefangen und vermag sich nicht unter das normale Teenager-Volk zu mischen. Nach außen ist er kühl – im Roman sogar auf tatsächliche Art und Weise eisig – doch innen toben die intensivsten Gefühle von Weltschmerz über Melancholie bis hin zu fast schmerzhaft empfundener Liebe. Doch auf Grund seines fortgeschrittenen Stupors ist er nicht in der Lage, diese komplexen Emotionen auf eine für andere wahrnehmbare Art und Weise zu kommunizieren. Statt sich selbst auf sozialexhibitionistische Art und Weise zur Schau zu stellen, lauscht er lieber den Ausführungen anderer und übt sich darin, so unsichtbar wie möglich zu sein. Nichts kann ihn überraschen oder aus der Bahn werfen, denn mit seinen über 100 Vampirlebensjahren hat er im Grunde schon alles erlebt. Dass Edward seine Geliebte beim Schlafen beobachtet, ist im Grunde nur ein Zeichen dafür, dass er ihr beim Leben zusieht – denn ein eigenes Leben hat er im Grunde nicht. Seine Existenzgrundlage ist das Blut, die Lebendigkeit anderer Menschen, die ihm selbst ermöglicht, aus seinem Stillstand auszubrechen. Am Ende der Geschichte – das wir gerade im Kino in Breaking Dawn erleben – steht die Überführung seiner Herzensdame* in eben diesen untoten Zustand der ewigen emotionalen Ruhe.
 
Ganz anders ist da Jacob, der Werwolf, heißblütig, forsch und gelegentlich gar unkontrolliert – Charakteristika, die sich außerhalb der Welt von Typ-Edward befinden. Der Werwolf-Typ bellt sich gerne in den Mittelpunkt, indem er lang und breit von seinen persönlichen Legenden berichtet. Er markiert sein Revier: Meine Hütte, meine Frau*, mein Motorrad. Er entblößt sich gerne, sowohl faktisch als auch emotional. Egal wie aussichtslos die Lage, er wird niemals damit aufhören, seiner Angebeteten in langen Ausführungen seine im Grunde simple Gefühlswelt in komplexen Sätzen darzulegen, die sein beschränktes emotionales Repertoire ins Unendliche aufbauschen. Der Werwolf ist leidenschaftlich und hat einen aktiven Lebensdurst, der ihn ab und an einsam durch die Wälder streifen lässt, auf der Jagd nach Beute. Der Traum eines jeden Typ-Jacobs ist die Anführung eines Rudels, sei es auf beruflicher, familiärer oder freundschaftlicher Basis. Je mehr Leute seiner Fährte folgen, desto besser. Seine große Liebe findet er – und auch das zeigt uns Breaking Dawn in aller Deutlichkeit – in deutlich jüngeren Frauen*, weil es jene sind, die gerne seiner temperamentvollen Leitung folgen. Hat er sein Herzblatt gefunden, so gilt sein Bellen fortan nur noch der Verteidigung seines Eigentums, denn er ist sich sicher: Diese Frau* ist nur für ihn bestimmt und für sonst keinen.
 
Als Frau* muss eins sich im Laufe unserer, durch die Moderne stark verlängerten, Pubertät entscheiden, welchen Mann* und welches damit verbundene Leben eins erwählen möchte. Wie Vieles im Leben kommt auch eine Beziehung immer als Paket und ist kein McDonalds-Menü, bei dem wild kombinieren werden kann: Ich hätte gerne die Leidenschaft des Werwolfs, aber dazu eine Portion der Ausgeglichenheit des Vampirs und dazu noch einen McGuterSex. – Zum Mitnehmen? – Ne, ich ess das gleich hier, komme morgen wieder und probiere eine andere Kombination.
 
So läuft das eben nicht. Und gerade weil viele den Konflikt zwischen diesen beiden Lebensentwürfen entweder ahnen oder bereits kennengelernt haben, trifft Twilight den Nerv gleich mehrerer weiblicher Generationen, während die Herren* sich aufs Peinlichste entblößt fühlen und deshalb eine aggressive Ablehnungsposition einnehmen.
 
Ich habe mir gerade Twilight 1 bis 3 auf DVD bestellt und plane ein intensives Studium dieser Filme und meiner selbst in den vor mir liegenden Wochen. Ich hoffe, diese Art der Selbsttherapie bringt mich in meiner persönlichen, viel zu lang geratenen Pubertät einen Schritt weiter.

One thought on “„Von Edwards und Jacobs“ oder „Die Tücken der verlängerten Pubertät“

  1. Anonym

    Also wenn ich mir so dein Fazit durchlese, dann hätte ich mir letztens vielleicht doch ein paar Minuten auf Skype nehmen sollen…
    Selbsttherapie mit Twillight, tstststs.

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