Verschwörungstheorien

In meinem letzten aktiven Uni-Semester – also bevor ich beschloss dem Ganzen ein Ende zu setzen und nur noch für die Prüfungen zu lernen – besuchte ich ein Seminar zum Thema “Paranoia”. Darin ging es darum, dass sich die amerikanische Gesellschaft immer von etwas verfolgt fühlt, von Kommunist_innen beispielsweise oder Terrorist_innen oder irischen Einwanderer_innen… Menschen also, die die amerikanische Ideologie von innen zerstören.

Ich persönlich neige nicht zu Paranoia. Paranoia sind für mich ein Weg, sich selbst nicht in Frage zu stellen und jedwede andersartige Meinung als Angriff zu verstehen. Das wirkt jetzt etwas unklar, wie mir auffällt, deshalb mal ein Beispiel.

Es gibt Menschen, die glauben, Deutschland werde durch den Kapitalismus von innen mit Absicht zerstört. Die Kapitalist_innen, eine besonders bösartige Menschenrasse, haben es auf die Vernichtung ethischer Grundsätze abgesehen und wollen jeden Menschen in ein materialistisches Gefängnis zwingen. Kapitalismus-Paranoiker_innen schließen sich in anarchistischen Wohnprojekten zusammen oder wandern aus, nur um festzustellen, dass sich der böse Kapitalismus selbst bis in den brasilianischen Busch durchgesetzt hat, in dem sich Landmassen der Größe von Dänemark und Belgien zusammen in der Hand eines einzigen kapitalistischen Schweins befinden. Dann kehren sie wieder nach Deutschland zurück. Dort gibt es zwar noch mehr Kapitalist_innen, dafür aber auch HartzIV – das gibt’s im Brasilianischen Dschungel nicht.

Oder Christ_innen-Paranoiker_innen, die glauben, “Christentum” sei der euphemistische Deckmantel einer Geheimorganisation, die den wissenschaftlichen Fortschritt verhindern und die Menschheit im Zustand geistiger Umnachtung (in der Aufklärung auch “Unmündigkeit” genannt) belassen will. Diese Paranoiker_innen sehen Christ_innen als homogene Masse, die Evolution und Sex vor der Ehe ablehnen und sich selbst bei der Wahl des Klopapiers fragen “What would Jesus do?” Christ_innen-Paranoiker_innen meinen, der Welt ginge es besser, würde mensch die christliche Religion – nein, am besten alle Religionen – abschaffen. Denn dann könnte eins sich endlich ungestört dem wissenschaftlichen Fortschritt hingeben, der ja wie allgemeinhin bekannt alleinig das menschliche Glück produziert.

Die Frage ist doch: warum haben die Menschen so große Angst vor dem Kapitalismus oder dem Christentum? Natürlich gibt es ausreichend Dinge, die mit dem einen oder anderen zu tun haben, vor denen mensch Angst haben könnte. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: warum haben die Menschen so Angst vor diesen Dingen, statt es sich einfach am Arsch vorbei gehen zu lassen?
Jetzt müsste eine schlaue Antwort folgen. Aber ich bin leider nicht schlau. Ich kann nur die Vermutung anstellen, dass es Menschen gibt, die Angst davor haben, ihr Gedankengebäude in Frage zu stellen. Sie haben Angst, die Idee zuzulassen, dass der Kapitalismus doch auch gute Seiten hat, oder dass der christliche Glaube positive Dinge hervorbringt. Denn wenn das der Fall wäre, wäre die eigene Meinung am Ende doch nicht dogmatisch richtig, dann müsste eins sich selbst in Frage stellen, dann müsste eins am Ende auch noch anfangen zu denken!! Oh nein!! Dann hätten die Geisteswissenschaften am Ende doch eine Daseinsberechtigung!!

Nein, daran wollen wir lieber gar nicht denken. Besser wir bleiben in unserem Elfenbeinturm und ergehen uns in der Angst vor den bösen Angreifer_innen feindlicher Ideologien, indem wir uns immer wieder gegenseitig erzählen, was wir eh schon wissen.

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