Vergleichsarbeiten

Ich war noch nie auf einem Klassentreffen. Manchmal finde ich das schade. Aber im Zeitalter von StudiVZ und Facebook weiß ich ja zum Glück auch ohne Klassentreffen, was meine einstigen Klassenkamerad_innen so treiben, mit wem sie es treiben und vor allem wo.

Zum Glück?

Manchmal stell ich mir dieses Ereignis vor:
All diese Figuren meiner teilweise alptraumhaften Erinnerungen an die Schulzeit sammeln sich in einem nachlässig dekorierten Festsaal irgendeines Kegelclubs – wobei in diesem Falle wohl eher Tennisclubs – und während ich mich unsicher an meinem Begrüßungscocktail festkralle, muss ich beobachten, wie sich alles und doch nicht nichts verändert hat. Die Leute, die sowieso noch in regem Kontakt stehen sammeln sich in kleinen Grüppchen, in die eins genauso schwer aufgenommen wird wie in die früheren Cliquen. Vielleicht stoße ich am Buffet doch zufällig auf einen der ganz Coolen. Und nur weil ich ihm gerade meinen roten Begrüßungscocktail über das weiße Hemd gekippt habe, muss er nun meine Existenz anerkennen und fragen wie es mir geht. Gut, und Dir? Gut. Und was machst Du so? Ich bin mit dem Studium fertig. Und Du? Ich nicht. Schön. Ich geh dann mal wieder. War nett, Dich mal wieder gesehen zu haben. Fand ich auch. Tschüs.

Während ich verzweifelt versuche, einen neuen Cocktail zum Festhalten zu ergattern kehrt Mr. Promking zu seinem Grüppchen zurück, ein paar Leute drehen sich um und lachen und ich bin so verwirrt, dass ich direkt in den Jahrgangs-Streber renne, der aus irgendeinem Grund mit 26 immer noch genauso viel Akne hat, wie mit 19. Und im Gegensatz zu Mr. Promking will sich der ganz unbedingt mit mir unterhalten, schildert mir in einem halbstündigen Vortrag den Inhalt seiner Diplomarbeit und seine Pläne für die Doktorarbeit – in Physik. Ich fühle mich original wie im Physikunterricht (Häh?) und bin froh, endlich wieder ein Cocktailglas zum Festhalten gefunden zu haben.

Vielleicht haben sich die hochmotivierte Organisator_innen dieser Veranstaltung irgendein lustiges Spiel überlegt, dessen Inhalt es ist, den Anwesenden vom eigenen Leben zu erzählen. So unter dem Motto: Mein Haus, meine Frau*, mein Auto. Und da fängt das Elend dann erst richtig an. Mr. Promking – doof wie ein Burgerbrötchen – verdient aus mir unerfindlichen Gründen bereits ein 6stelliges Jahresgehalt. Ich versuche mir einzureden, dass er die Firma seines Vaters übernommen hat. Dann ist die Reihe an Aknegesicht, der berichtet, er habe das Studium in Rekordzeit – seit Einführung des Studienganges – abgeschlossen und habe bereits zahlreiche Publikationen in diversen Fachzeitschriften veröffentlicht. Mal abgesehen davon, dass das natürlich keinen interessiert, spreche ich zu mir: Dafür hat der sicher kein Privatleben. Aber dann erzählt Aknegesicht, dass er letztes Jahr geheiratet hat und seine Frau mit Zwillingen schwanger ist. Ich kippe meinen Cocktail und hole mir einen neuen.

Es folgen Geschichten von Weltreisen (Südostasien ist total in), abenteuerlichen Freiwilligendiensten (Englischkurse in Afghanistan, Kurse für gewaltfreie Kommunikation in Kolumbien und Aidsaufklärung im Vatikanstaat stehen ganz oben auf der Liste) und Familienplanung. Die Jahrgangsdickste behauptet ihre aktuelle Figur sei nur auf ihren Kinderreichtum zurück zu führen. Alles lacht, bis sie ein Foto von sich und ihren 6 Kindern rumreicht. Das Lachen bleibt mir im Halse stecken und ich will mir gerade einen neuen Cocktail holen als sich alle Augen auf mich richten.

Ähm… Ich… Hi! Wie geht’s?
Keiner antwortet. Schließlich wollen die ja auch wissen, wie es MIR geht.
Ähm… Ich… Was geht ab?!
Keiner antwortet. Ich war einfach noch nie besonders cool.
Ähm… Ich…

Ich fange an vor aller Augen auf meinen Fingernägeln zu kauen, obwohl ich das seit der 4. Klasse nicht mehr gemacht habe. Und dann gebe ich auf.
Ok, ich studiere immer noch, mein Monatseinkommen liegt unter dem Hartz IV-Satz, ich habe keine Kinder und plane auch keine. Ja, ich habe nicht mal jemanden, der mir freiwillig eins machen würde. Ich wohne im sozial schwächsten Bezirk der Stadt und… Auslandsaufenthalte? Ich war vor 2 Jahren mal auf Fuerteventura… im All inclusive Urlaub. Zählt das?

Stille. Jetzt sind sie alle enttäuscht, denke ich. Von jemandem wie mir hatten sich alle eine andere Geschichte erwartet. Ich würde ja auch gerne erzählen, dass ich mein Studium in Rekordzeit abgeschlossen habe, dass ich einen Bestseller veröffentlicht und mir mit dem Gewinn ein Haus auf den Malediven geleistet habe. Und dass ich ebenfalls 6 Kinder, aber trotzdem ne Bombenfigur habe. Aber es stimmt ja nicht mal das mit der Bombenfigur!!

Später an diesem Abend, inzwischen sitze ich einsam zwischen 10 leeren Cocktailgläsern in der Ecke, kommt Mr. Promking zu mir herüber. Er schaut sich permanent um, ob denn wohl jemand sieht, dass er sich zu einem Gespräch mit mir herablässt. Als er sich sicher ist, dass ihn keiner beobachtet, flüstert er mir zu: Ich mache ne Ausbildung zum Altenpfleger. Bevor ich reagieren kann, ist er auch schon wieder weg. Dann kommt Aknegesicht, bringt mir ein volles Glas und erwähnt fast beiläufig: Ich hatte noch nie Sex. Ich will schon weinen, denn das tut mir wirklich sehr leid und ich bin gerade sehr emotional durch meinen Cocktailkonsum. Aber da kommt schon der nächste und erzählt, er habe keine Aidsaufklärung im Vatikanstaat gemacht, sondern ein freiwilliges soziales Jahr in seiner eigenen katholischen Kirchengemeinde. Als mir dann auch noch jemand steckt, dass seine engste Erfahrung mit Südostasien eine Thaimassage mit Extras gewesen ist, beginne ich langsam mich besser zu fühlen.

Am Ende des Abends ist mir speiübel. Ich bin zwar nicht mehr so deprimiert wie ein paar Stunden zuvor, aber wirklich aufgebaut hat mich das Event auch nicht. So einsam wie ich gekommen bin schlurfe ich davon. Während ich im Regen an der Bushaltestelle stehe, fährt Mr. Promking mit seinem Mercedes vorbei (der wahrscheinlich seinem Vater gehört). Er hält nicht an.

4 thoughts on “Vergleichsarbeiten

  1. Anonym

    Ist der Urlaub auf Fuerteventura schon wieder 2 Jahre her?

  2. Anonym

    Da siehste, die Welt ist eine einzige Show oder nach dem alten Motto
    „Kleider machen Leute“.
    oder lies noch mal den Kleinen Prinzen von wegen, man sieht nur mit dem Herzen gut.

  3. Anonym

    Überhaupt sind Deine Blogs zu schade, für das Fußvolk, Du musst sie veröffentlichen!!!

  4. Anonym2

    Ich würde dir ein Kind machen…

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