Über den Verfall der deutschen Akademik

Unsere Regierung hat sich nach jahrelangem Nachdenken ein wunderbares System erdacht, wie das deutsche Universitätssystem optimiert werden kann. Ziel dieser Reform war, Menschen schnellstmöglich der Uni zu entreißen und in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Studiengänge wurden derart genormt, dass Student_innen nicht mehr länger gezwungen sind, selbstständiges Arbeiten zu erlernen, sondern wie in der Schule einen Stundenplan in die Hand gedrückt bekommen, den es abzuarbeiten gilt.

In einigen Fächern mag das ja alles sehr sinnvoll sein. In den Geisteswissenschaften aber sicher nicht. Wobei an dieser Stelle natürlich eingeräumt werden muss, dass unsere Regierung die Geisteswissenschaften ohnehin für völlig überflüssig hält. Das neue System hat ebenfalls die Nebenwirkung, dass es nicht länger möglich oder zumindest erheblich erschwert ist, neben dem Studium zu arbeiten. Strenge Stundenpläne, Anwesenheitspflicht, Klausuren und rigide Regelstudienzeiten lassen einer nicht mal mehr Zeit, in den Abendstunden in einem Callcenter zu jobben (der meiner Meinung nach schlimmste Studentenjob). Das führt dazu, dass sich die Klientel der Student_innen radikal geändert hat. Insbesondere in den Geisteswissenschaften.

Als ich vor vielen Jahren (eine genaue Angabe möchte ich hier aus persönlichen Gründen lieber nicht machen) mein Studium an der Freien Universität begann, umgaben mich am Einführungstag lauter Menschen, die Mensch allgemeinhin als „alternativ“ bezeichnete. Leute, die gerne in Kreuzberg und Neukölln wohnen, Markenklamotten ablehnen (unter anderem deshalb, weil sie sie sich nicht leisten können) und ihren Urlaub mit Rucksackreisen durch Afrika, Asien oder Südamerika verbringen. Diese Leute studierten nicht nach Vorschrift, schwänzten Seminare, trugen Kurse in ihr Studienbuch ein, die sie niemals besucht hatten und hielten es eher locker mit der Sitzungsvorbereitung. Das taten sie, weil es möglich war und weil sie in der „freien Zeit“ arbeiteten oder ihre Studienschwerpunkte suchten und erforschten.

Die Student_innen der Geisteswissenschaften von heute sehen anders aus. Sie sitzen mir in der Bibliothek gegenüber und gehen mir so auf die Nerven, dass ich erwäge, meinen Platz zu wechseln. Um es gleich vorauszuschieben: Die von mir gleich beschriebenen Menschen sind kein Einzelfall. Vor einem Jahr besuchte ich ein Bachelor-Seminar und musste erkennen, dass kein einzige_r „Alternative_r“ in diesem Kurs saß.

Der_die Bätschi (wie sie hier gerne von den arroganten Magistern und Magistras, wie mir, genannt werden) sind Anfang zwanzig und treffen sich zu meinem Elend jeden Tag in der Bibliothek. Sie ist genau der Typ Frau*, für den die früheren Nordamerikastudenten zum Lernen in die Jurist_innenbibliothek gelaufen sind (mit ausgeschnittener Bluse und Klimperohrringen). Sie hat auf ihrem Schreibtisch keinen 10kg schweren Laptop in der 5. Generation, sondern einen neuen Apple stehen. Statt einer Wasserflasche aus dem türkischen Supermarkt, die sie im Bad mit Leitungswasser auffüllt, stillt sie ihren Durst mit ihrem Starbucksplastikbecher. Ich bin mir überdies sicher, dass sie mit dem Auto gekommen ist. Als ich letztes Jahr in dem erwähnten Seminar saß, klimperten so einige Autoschlüssel. Um den Hals trägt die Bätschi eine Kette mit einem Buchstabenanhänger, wahrscheinlich der erste Buchstabe ihres Vornamens. Kurzum: vor 8 Jahren wäre diese Frau* hier gesteinigt worden.

Eigentlich könnte es mir ja total egal sein, wie die Leute hier rumlaufen. Aber leider beschränkt sich ihre Andersartigkeit nicht nur auf ihren Kleidungsstil, sondern auch auf ihr Verhalten. Bätschi von Gegenüber hat keine Lust. Deshalb unterhält sie sich in der Bibliothek gerne mit ihrem Sitznachbarn. Ebenfalls ein Bätschi, aber weniger auffällig. Kaum ist sie zur Tür herein geht das Gequatsche los. Dann schiebt sie ihre Blätter einmal von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links. Dann stöhnt sie und streckt sich, weil sie ja schon so viel gearbeitet hat. Als ich anfange meine Notizen in gewohntem Tempo abzutippen, guckt sie genervt zu mir rüber. Entweder sie ist vom Geräusch genervt, oder von der Tatsache, dass es tatsächlich Leute in dieser Bibliothek gibt, die arbeiten.

Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann würde ich vermutlich auch dafür plädieren die Geisteswissenschaften abzuschaffen. Denn wenn nur noch Leute, wie Miss Bätschi die Möglichkeit haben, eine Geisteswissenschaft zu studieren, weil die wirklichen intellektuellen und gesellschaftskritischen Menschen sich ein solches Studium nicht mehr leisten können, dann können wir das Geld auch lieber einsparen und davon die arbeitslosen Magisterstudenten mit Hartz IV versorgen, die keine_r einstellt, weil freies Denken und Kritik heute einfach nicht mehr gefragt sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

You may use these HTML tags and attributes:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>