Politisch Korrekt?

Ich war immer stolz darauf ein unpolitischer Mensch zu sein. Dabei kann eins darauf wirklich nicht stolz sein – eigentlich. Aber irgendwie war ich schon immer der Meinung, es gäbe genug andere Dinge, mit denen ich mich auskenne, so dass ich dieses Wissensgebiet auslassen könne. In der Schule drückte ich mich erfolgreich um das Abiturprüfungsfach „Politische Weltkunde“ durch die Wahl des Basiskurses Philosophie. Bis zum heutigen Tage vermeide ich Gespräche über Politik, indem ich behaupte, zu unpolitisch für eine Meinung zu sein. Ich will mich lieber nicht bei einem Thema zu weit aus dem Fenster lehnen, zu dem ich keine gut basierte Argumentation vorbringen kann.

Aber so konnte das ja nicht ewig weitergehen. So unpolitisch ich auch sein mag, oder glaube zu sein, wählen musste ich ja trotzdem. Denn zum Glück (oder leider?) können ja in diesem Land ALLE wählen, und nicht nur die, die sich mit Politik auskennen.

Zunächst einmal passte ich mich – vermutliche wie alle Erstwähler_innen – der Familientradition an, die in diesem Falle eine sozialdemokratische war. Meine Großeltern und meine Mutter ließen nie einen Zweifel daran aufkommen, dass dies der richtige politische Weg sei. Lediglich mein Vater brachte in meinen politischen Mikrokosmos die CDU ein: „Ich würde ja eigentlich die CDU wählen, wenn ich nicht die SPD wählen würde!“ Damit wollte er sagen, dass er sich zwar mit der CDU mehr identifizieren könne, aber aus Gewohnheit der SPD verpflichtet sei. An diesem Punkt bestand Deutschlands politisches System für mich aus ganzen zwei Parteien. Dieses Zwei-Parteiensystem wurde bald ergänzt durch die damalige PDS. Die PDS war für mich die Partei, die nur die Ossis wählen. Wie die Grünen in mein Bewusstsein traten weiß ich nicht mehr. Sicher bin ich mir aber, dass die FDP in meiner Welt nicht als ernst zu nehmende Partei existierte bis mein Großvater zum ersten Mal mit hochrotem Kopf meinen Onkel anschrie, er würde ihn umgehend enterben, wenn er an seinem Plan festhielte und die FDP wählte.

Natürlich wusste ich schon immer, dass es auch Parteien gibt, die nie wirklich vorne mitmischen und die einfach nur dazu dienen, den Gedanken der Demokratie zu untermauern und dem Wähler die Illusion verleihen, er könne aus einer Vielzahl politischer Richtungen genau die wählen, die am besten auf ihn passe. Besonders toll fand ich da die Pogo-Partei und ihre Idee der rotierenden Straßenschilder. Mit dieser klaren Forderung konnte ich wenigstens etwas anfangen, während mir die meisten wirtschaftlichen Ziele der großen Parteien schleierhaft blieben.

Im Großen und Ganzen hat sich daran nichts geändert. Meine Kenntnis der Profile der großen Parteien ist noch immer sehr vage. Die FDP will, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Die CDU will, dass die Reichen immer reicher werden, aber die Armen können ruhig arm bleiben. Die SPD will, dass die Reichen reich bleiben, aber die Armen reicher werden. Die Linke will, dass die Reichen ärmer und die Armen reicher werden. Und die Grünen wollen, dass wir alle nur noch Rad fahren. Versteht Ihr jetzt, warum ich keine Lust habe, über Politik zu reden?

Aber mensch lässt mich ja nicht in Frieden! Ich bin ja gezwungen eine politische Meinung anzunehmen! Also lasse ich mich hinreißen, um den Wahlomaten zu bedienen und mir ein politisches Profil zu erarbeiten. Mal abgesehen davon, dass ich nun weiß, ich hätte die Piratenpartei wählen sollen – was hat es mir gebracht?
Ich habe gelernt, dass viele meiner Freund_innen eine andere politische Meinung haben als ich. Bei den einen fällt mir das leichter, bei den anderen schwerer. In meinen ersten tapsenden Versuchen, politisch zu sein, musste ich mir anhören, ich sei dumm, weil ich eine bestimmte Partei favorisierte, weil ich eine andere Meinung hatte als mein Gegenüber. Jetzt weiß ich auch wieder, warum ich mich bisher aus politischen Gesprächen immer rausgehalten habe.

Aber vor allem habe ich gelernt, dass ich niemals unpolitisch war. Denn nur, weil ich keine Antwort auf die Probleme der Weltwirtschaftskriese habe, nur weil ich keine schlüssige Argumentation für oder gegen den Atomausstieg, für oder gegen den Abzug deutscher Soldat_inneen aus Afghanistan vorbringen kann, nur weil ich nicht weiß, welchen Vor- oder Nachteil Privatisierungen oder Subventionen bringen, heißt das noch lange nicht, dass ich keine politische Meinung habe.

Ich habe eine politische Meinung. Und die stützt sich auf das, was mir im Leben wichtig ist. Meine politische Meinung hat nichts mit Außenpolitik, Wirtschaft, Verteidigungsfragen oder regenerativen Energien zu tun. Ich glaube, auf den ersten Blick hat meine politische Meinung nicht mal etwas mit Politik zu tun!
Meine politische Meinung hat etwas damit zu tun, was ich sehe, wenn ich vor die Tür gehe. Was ich erlebe, wenn ich durch die Straßen meiner Stadt laufe. Welche Schicksale ich in meinem Job erlebe. Meine politische Meinung hat damit zu tun, welche Probleme ich in meinem ganz konkreten Alltag wahrnehme. Und ich sehe nicht, was daran dumm sein soll.

Gerade heute in einer Zeit, in der alle chronisch über den Tellerrand schauen und Strategien entwickeln, die Weltwirtschaft zu retten, die Gesamtklimakatastrophe zu verhindern und die Globalisierung (was auch immer dieses Wort genau bedeutet) in konstruktive Bahnen zu lenken, muss es doch auch Menschen geben, die dumm genug sind, die Schicksale der Menschen um sie herum als oberste Priorität zu sehen.

Aber ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen. Ich für meinen Teil kann anderen Menschen eine andere Meinung zugestehen. Ich bin froh, dass es Menschen gibt, die Ahnung von Wirtschaft und Außenpolitik haben, die Deutschland wieder zu einer erfolgreichen, prosperierenden Nation machen wollen.

Aber es muss auch Menschen geben, die sich für die Menschen interessieren. Und nicht nur für Politik.

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