Nichtwo

Eigentlich wollte ich heute Abend schwimmen gehen, um mich sportlich zu betätigen und etwas für meine Rückengesundheit zu tun. Aber da ich mich ohne Sonnenschein nicht motivieren kann, ein Freibad zu betreten, bleibe ich zu Hause und nutze die Gelegenheit, um über Nicht-Orte zu schreiben. Nicht-Orte sind nämlich Orte, an denen ich nicht bin. Also das Freibad jetzt zum Beispiel. Und unendlich viele andere Orte. Die Existenz von Nicht-Orten wäre völlig unbedenklich, um nicht zu sagen trivial und uninteressant, wenn es nicht das Internet gäbe. Das Internet nämlich, insbesondere Social Networks wie Facebook, konfrontiert mich jede Sekunde mit den Milliarden von Nicht-Orten, die mich umgeben.

Das fängt im Kleinen an. Bei Facebook stellt ein so genannter Freund lustige Fotos seiner Party ein, auf die ich nicht eingeladen war. Nun bin ich traurig, weil ich nicht da war. Ohne Facebook hätte ich wohl nie davon erfahren, dass es diese Party überhaupt gegeben hat.

Aber es bleibt ja nicht bei Partys. Facebook zeigt mir auch die Länder, in denen ich noch nicht war, indem es die Leute auffordert in ihr Profil eine Weltkarte zu integrieren, auf der kleine Pins anzeigen, welche Orte die jeweilige Person bereist hat. Ich hatte ja auch einmal überlegt, so eine Karte einzufügen. Aber als sich alle Pins in Mitteleuropa tummelten war mir das zu peinlich und ich löschte sie umgehend wieder.

Facebook zeigt mir nicht nur Partys und Länder, die ich nicht besucht habe, sondern auch jegliche soziale Aktivität, an der ich nicht teilgenommen habe. Völlig egal, ob es da um „Kuchen backen mit Oma Hilde“ oder „Fußi gucken mit den Jungs“ geht. Der Punkt ist ja gar nicht, dass ich an all diesen Events teilnehmen will. Was hab ich schon mit Oma Hilde zu schaffen?! Aber diese Unzahl an Nicht-Orten demonstriert mir persönlich immer wieder die fehlende Flexibilität meines momentanen Real-Ortes.

Ein weiser Spruch unserer Gesellschaft ist „Man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen“ und ich muss sagen, dass dieser Satz nie so treffend war wie heute, im Zeitalter der Social Networks. Das Problem ist heute nur, dass ich die Bilder aller Hochzeiten dieser Welt präsentiert bekomme, egal, ob ich zu einer davon eingeladen bin – mich vielleicht für die langweiligste entschieden habe – oder vielleicht ein Mensch bin, den keine_r auf seiner Hochzeit haben will.
Vor lauter Nicht-Orten fühle ich mich selbst ganz nichtig. Klein und einsam.
Ist der Sinn eines Sozialen Netzwerks nicht genau der gegensätzliche? Dass ich nämlich das Gefühl habe, Teil einer Gemeinschaft zu sein?! Doch statt mich zu integrieren, mich in die Mitte meiner Freund_innen zu setzen, zeigt mir das Netzwerk nur immer und immer wieder, dass ich nicht in der Mitte meiner Freund_innen, sondern an ihrem Nicht-Ort bin.

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