Nichts ist so schön wie sein Klischee

Wie oft hört eins, dass eins nicht in Stereotypen denken soll, dass eins nicht „alle in dieselbe Schublade packen“ soll, dass es politisch unkorrekt ist vom Einzelnen auf die ganze Gruppe zu schließen. Aber seien wir doch mal ehrlich: Irgendwoher müssen die Klischees doch kommen!

Der Gedanke kam mir heute nach einem Gespräch mit meinem schwulen Kumpel. Da haben wir gleich das erste Klischee: Jede Frau* hat einen schwulen Kumpel. Aber darum geht es diesmal nicht. Dieser Kumpel jedenfalls ist ständig auf Hochzeiten eingeladen. Gut, noch klischeehafter wäre es wohl, wenn er für diese Hochzeiten die Blumendeko organisieren und die Hochsteckfrisur der Braut selbst frisieren würde. Nichtsdestotrotz ist allein die Anwesenheit eines schwulen Mannes* auf einer Hochzeit ein Klischee. Er sitzt dann da, in seinem weißen Anzug, mit einem Glas Prosecco, schaut sehnsüchtig auf den hübschen Bräutigam und ist umringt von Single-Frauen, die viel zu spät raffen, dass ihre Mühen vergebens sind. Am Ende stürzt er sich zu „I will survive“ auf die Tanzfläche.

Das nächste Klischee: ich war neulich in einer Schwulenbar. Und was läuft da für Musik? YMCA! Echt wahr! Mensch erwartet ja eigentlich Tadel bei der Behauptung, dass schwule Männer nur Village People und Barbara Streisand hören würden. Aber sie tun es wirklich!! Naja, vielleicht nicht ausschließlich…

Aber nicht nur Schwule erfüllen gerne ihre Klischees. Ein anderes Beispiel sind Asiaten. Wofür sind die bekannt? Genau, fürs Ping Pong spielen. Im asiatisch dominierten Studentenwohnheim bei mir um die Ecke steht im Foyer eine Tischtennisplatte, die zu jeder Tages- und Nachtzeit bespielt wird.

Weiter geht’s mit dem Thema Studenten. Die allgemeine BWL- oder Jurastudentin ist deutlich attraktiver gekleidet als die Geistes- oder Sozialwissenschaftlerin. Stimmt nicht? Setzt Euch mal in die Juristenbibliothek der FU! Ihr werdet gut gekleidete, nett adrette Studentinnen vorfinden, bei denen eins annimmt, dass sie mehr Zeit im Bad als in der Vorlesung verbringen. Und dann geht mal in ein Seminar mit dem Beisatz „aus der Genderperspektive“ und staunt über die Vielfalt weiblicher Körperbehaarung.

Nächstes Thema: Bezirke. Wenn eins in Zehlendorf aus der S-Bahn steigt, sieht eins schöne, große Autos. Steigt eins in Prenzlauer Berg aus der S-Bahn sieht eis schöne, große Kinderwägen.

Ich könnte endlos so weiter machen. Klischees haben also einen wahren Kern. Klar, sonst gäbe es sie ja nicht. Also warum darf Mensch dann nicht locker flockig in Klischees denken?

Drehen wir den Spieß mal um. Ich bin eine heterosexuelle, christliche Geisteswissenschaftlerin, die im Wedding wohnt. Laut Klischee rasiere ich mir weder die Beine, noch die Achseln und schon gar nicht die Bikinizone. Ich trage ausschließlich Second Hand. Ich fahre überall mit dem Fahrrad hin, weil ich mir ein Auto nicht leisten kann und vor allem nicht will. Die Fremdsprache, die ich am besten beherrsche, ist Türkisch. Wenn ich abends nicht beim Yoga bin, treffe ich mich mit der studentischen Missionsgruppe und tüftele aus, wie ich meine Kommilitonen am besten von der Theorie des Intelligent Design überzeuge. Bevor ich abends mit meinem Freund ins Bett gehe, frage ich mich „What would Jesus do?“ und bestehe auf klarer Raumtrennung („Das ist mein Schlafabstand und das ist Dein Schlafabstand“).

Wenn jemand all das von mir denken würde, wäre ich ziemlich entsetzt. Das Fazit ist also: Klischees sind in Ordnung, vor allem unterhaltsam und öfter wahr als Mensch denkt. Aber es sollte immer wichtiger sein, das Gegenüber kennenzulernen. Dann kann es immer noch in eine Schublade gesteckt werden!

Und wo wir schon dabei sind: Daniel, kannst Du bitte den Brautstrauß für mich fangen??

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