Meine Sexismus-FAQs

Letzten Sommer war ich bei einer Diskussionsveranstaltung mit Laurie Penny im Haus der Berliner Festspiele und hörte sie den magischen Satz sagen: „Ich habe keine Geduld, irgendwelchen Idioten die Grundpfeiler des Feminismus zu erklären!“

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Genauso ist es. Dafür habe ich auch keine Geduld. Denn Idioten hören nicht zu. Sie interessieren sich auch nicht für meine Argumente. Es geht ihnen lediglich darum, sexistische Gemeinplätze zu vertreten und ihr zartes Ego zu konsolidieren. Sie haben schon entschieden, den Feminismus scheiße zu finden, bevor sie bei Wikipedia die Wortbedeutung nachgelesen haben. Nein, ich habe weder die Geduld noch die Lust, diesen Menschen die Grundpfeiler des Feminismus zu erklären. Ich gehe sehr gerne mit interessierten Gesprächspartner_innen in den Dialog, mit Menschen, die mich nicht beleidigen, sondern meiner Position offen begegnen – egal, ob wir am Ende einer Meinung sind oder nicht.

Ich kenne viele Feminist_innen unterschiedlicher Ausrichtung, mit denen ich gerne diskutiere. Zum Beispiel darüber, ob geschlechtergerechte Sprache wirklich einen Beitrag zur mehr Gleichberechtigung leistet. Oder wie viel Biologie und wie viel Sozialisierung für unsere Geschlechtsidentität verantwortlich sind. Oder darüber, ob The Wolf of Wallstreet Sexismus kritisiert oder doch eher performiert. Oder, oder, oder…

Dieser Gruppe interessanter Gesprächspartner_innen steht eine große, frappierend heterogene Gruppe von in der Regel männlichen* Ignoranten gegenüber. Oder wie Laurie Penny sagen würde: Idioten. Und weil ich, wie Laurie, bestimmte Diskussionen nicht mehr führen möchte, liefere ich hier mal ein paar Antworten auf die beliebtesten Antifeminismus-Argumente, ausgehend von einer Diskussion über die Legitimität von Komplimenten am Arbeitsplatz, also Kommentaren bezüglich des äußeren Erscheinungsbilds.

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  1. Man wird doch wohl noch mal ein Kompliment machen dürfen.

Nein! Oder anders formuliert: Ja, ok, darf „man“, aber „frau“ darf dann auch sagen, dass sie es unangebracht findet. Und das sollte ausreichen, um es nicht zu wiederholen. Denn was angebracht oder unangebracht ist, sollte die Person beurteilen dürfen, die angesprochen wird. Außerdem ist der Kontext entscheidend: Kommentiere ich das Aussehen einer Frau*, der ich in einem beruflichen Umfeld begegnet bin, dann nehme ich sie nicht mehr als professionelles Subjekt war, sondern als Anschauungsobjekt (sieht ja hübsch aus). Das ist eine Degradierung.

  1. Stell Dir das doch mal andersherum vor.

Nein! Das stelle ich mir nicht vor, denn es führt nirgendwo hin. Einfach nur die Geschlechter zu vertauschen, hilft nicht bei der Beurteilung der Situation. Denn es geht hier eben nicht um singuläre Komplimente, sondern um strukturellen Sexismus, der sich in ungleichen Machtverhältnissen ausdrückt. Es ist eben NICHT dasselbe, wenn ein Mann* einer Frau am Arbeitsplatz ein Kompliment macht wie andersherum, denn der Mann* agiert und reagiert aus einer privilegierten Situation heraus. Es ist nicht möglich diese Situation getrennt von einer gesamtgesellschaftlichen Machtverteilung zu beurteilen. Natürlich stört es den Mann* nicht, wenn die Frau* ihm Komplimente macht. Aber das liegt daran, dass er das Privileg besitzt, in seinem beruflichen Umfeld grundsätzlich ernst genommen zu werden!

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  1. Das hat doch nichts mit Sexismus zu tun.

Doch! Wo kämen wir denn hin, wenn nur privilegierte Menschen entscheiden dürften, wann etwas als Diskriminierung gilt. Wenn Weiße entscheiden dürften, was Rassismus ist. Wenn Menschen ohne Behinderung darüber entscheiden dürften, wo die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung beginnt. Aus der privilegierten Situation heraus kann so etwas nicht beurteilt werden. Sexistische Diskriminierung ist ein Erfahrungswert. Und um diese Erfahrung zu verstehen, müssen die Nicht-Diskriminierten, den Diskriminierten zuhören und – ganz wichtig! – ihnen glauben, anstatt ihnen ihre Empfindungen abzusprechen. Denn nur dieser empathische Dialog ermöglicht ein diskriminierungsfreies Miteinander! Die Anmaßung aber, als Außenstehende über die Erfahrungswelt einer diskriminierten Gruppe zu urteilen, ist eine Konstituierung der eigenen Privilegien (ich weiß es besser!). In der Sexismusdiskussion nennen wir das „mansplaining“: Männer* meinen Frauen* erklären zu können, wann sie diskriminiert werden und wann nicht. Und mal ehrlich: Das ist doch Bullshit!

  1. Männer* sind doch auch Opfer von Sexismus.

Ja! Und das ist nur ein Grund mehr, sich für Gleichberechtigung einzusetzen, denn Sexismus tut allen Menschen Unrecht. Aber in welchem Paralleluniversum verdrehter Logik kann es sinnvoll sein, Sexismus gegen Männer* zu bekämpfen, indem Sexismus gegen Frauen* geleugnet wird?!

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  1. Es gibt wichtigere Themen.

Mag sein. Interessant ist aber, dass sexuelle Belästigung gegen Frauen* beispielsweise nur dann wichtig ist, wenn sich hieraus ein fremdenfeindlicher Diskurs konstruieren lässt – so geschehen Anfang 2016 in Reaktion auf die Ereignisse am Kölner Dom. Außerdem fällt es mir sehr schwer zu verstehen, wie ein Problem, das 50% der Weltbevölkerung betrifft, unwichtig sein kann. Aber gut, ich kann niemandem vorschreiben, mit welchen Themen er_sie sich auseinandersetzt und ich finde es toll, dass unterschiedliche Menschen sich für unterschiedliche Ziele stark machen. Was ich aber nicht verstehe, ist der Elan, mit dem sich Anti-Feminist_innen in feministische Diskussionen einbringen. Denn wenn ihr es wirklich so überflüssig findet, dann tut uns doch allen den Gefallen und haltet einfach die Klappe!

  1. Ihr seid doch einfach nur verklemmt.

Nein! Es hat nichts mit Prüderie zu tun, wenn ich nicht möchte, dass jemand anzügliche Kommentare über mein Äußeres formuliert oder mich ohne mein explizites Einverständnis berührt. Ich habe das Recht als freier Mensch in meiner Privatheit zu leben, ohne dass diese Privatheit durch das Kommentieren meines Erscheinungsbilds permanent durchbrochen wird. Und ich habe ebenso das Recht, über meinen Körper zu bestimmen. Wenn ich also nicht will, dass mich jemand anfasst, dann will ich das nicht und es gibt keine ethische Grundlage, auf der das auch nur im Ansatz zur Debatte stünde.

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  1. Es wird immer nur über die Diskriminierung von Frauen* gesprochen. Wann schreibt denn endlich mal jemand etwas über die Diskriminierung von Männern*?

Wenn Du trotz der Dir bewussten Privilegien immer noch der Meinung bist, dass Du als Mann* in Deiner Gesellschaft benachteiligt bist, dann ist es Deine Aufgabe, einen Diskurs darüber zu fördern, so wie Frauen* seit vielen, vielen Jahren den Diskurs über die Rolle der Frau* fördern und am Laufen halten. Denn nur Du kannst von Deiner Erfahrungswelt erzählen und darüber urteilen, so wie es auch andersherum uns Frauen* vorbehalten ist, unsere Erfahrungswelt zu beschreiben!

Aber am allerwichtigsten ist mir Folgendes: Wem ist damit geholfen, dass ihr sexistische Strukturen negiert? Wem ist damit geholfen, wenn ihr einer Frau* sagt, sie würde weder diskriminiert noch belästigt noch unterdrückt werden? Wäre es nicht viel sinnvoller, ihr zuzuhören, Missverständnisse zu klären, wo es sie gibt, und gemeinsam Lösungen für Missstände zu suchen?

Vorschlag für einen Dialog:

  • Sie: Ich fühle mich durch Dein Kompliment belästigt.
  • Er: Echt? Oh, das tut mir leid. Kannst Du mir erklären, warum?
  • Sie: Weil ich hier an meinem Arbeitsplatz bin und als professionelle Person und nicht als sexuelles Objekt gesehen werden möchte. Ich begegne Dir ja auch professionell!
  • Er: Ja, das stimmt. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Danke für die Erklärung.  

Was habt ihr denn dabei zu verlieren? Eure Privilegien vielleicht?

2 thoughts on “Meine Sexismus-FAQs

  1. Jan

    Hallo Sophie,

    Danke für dieses FAQ. Als moralischer Mensch, der soweit es geht „das Richtige“ tun will, ist es in manchen Dingen nochmal lehrreich gewesen. Insbesondere die Komplimente-am-Arbeitsplatz-Frage. Da bin ich „Guilty as Charged“ wie man sagen würde, habe das oft getan, ohne zu wissen, dass es vielleicht unangebracht ist. Werde da definitiv drauf achten künftig. Allerdings möchte ich durchaus erwähnen, dass das – zumindest bei mir und bewusst – nie aus der Motivation heraus geschah, mein Gegenüber professionell abzuwerten oder mein Machtverhältnis auszunutzen (wie auch, als Berufsanfänger hab ich doch noch gar keine „Macht“ über Mitarbeiter und in den sich wandelnden Zeiten hatte ich schon mehr weibliche, als männliche Vorgesetzte, weswegen ich Punkt 2 da auch etwas zweifelhaft finde). In den meisten Fällen ist es einfach nur eine Verbalisierung meiner Gedanken gewesen, jemand hübsch oder anziehend finden und daraus der Beginn eines Flirtversuches, der je nach Reaktion entsprechend fortgeführt oder beendet wird. Ich denke auch, so geht es den meisten Männern. Finde deinen Abschlussdialog da sehr gut und treffend, genauso sollte es ablaufen.

    Eine Frage hätte ich aber dann doch noch: Manche Frauen ziehen sich ja im Geschäftsleben bewusst und absichtlich aufreizend an – mit High Heels, Lippenstift, Bleistiftrock o.ä., was ja letztlich das Ziel verfolgt, „hübsch“ auszusehen, egal ob nun für sich selbst oder für Andere. Du ziehst ja soweit ich weiß auch immer recht farbenfrohe und aufmerksamkeitsanziehende Kleidung an. Darf „man“ einer Frau bzw. dir dann ein Kompliment zu ihrem Outfit machen? Eine Frau, die kompetent ist, intelligent, super Arbeit vollrichtet – UND dann eben gut aussieht?

    Schließlich hätte ich noch eine Frage zum „Belästigung ist dann da, wenn man sie fühlt“, denn dieses Argument finde ich etwas strittig. Denn es gibt ja nachgewiesenermaßen viele Menschen, welche zu Paranoia neigen, der Extremfall sind da wohl Schizophrene, aber wir reden mal eher von der abgeschwächten Form, welche aus einem mangelnden Selbstbewusstsein und Unsicherheit heraus kommt. Seien es Männer oder Frauen. Beispielsweise jemand in der U-Bahn, der sich von seinem Gegenüber beobachtet oder gar belächelt fühlt, obwohl das Gegenüber das gar nicht getan hat. Ist diese Person dann wirklich belästigt worden? Ich finde, dafür brauchen wir schon einen gewissen Grundrahmen um zu bestimmen, was Belästigung ist und was nicht. Denn sonst wird aus jeder unterschiedlichen Wahrnehmung, Befindlichkeit und vor allem aus vielen Missverständnissen ganz schnell eine Belästigung. Wie siehst du das?

    Ich hoffe, mein Kommentar entspricht deinen Qualitätsansprüchen für eine interessierte, sachliche Diskussion und würde mich über eine Antwort freuen! Liebe Grüße.

    • filmloewin

      Lieber Jan,
      vielen, vielen Dank für dieses sehr ehrliche Feedback. Besonders schätze ich daran, die respektvoll formulierten Fragen und Zweifel, auf die ich sehr gerne eingehe, weil ich hier – im Gegensatz zu vielen anderen Diskussionen – das Gefühl habe, das Interesse an einem Austausch und eine Bereitschaft für gegenseitiges Verständnis besteht.
      Ich glaube, dass die wenigsten Männer* ein Kompliment bewusst zur Degradierung ihres weiblichen* Gegenübers einsetzen (was aber nicht bedeutet, dass sie ihr Gegenüber damit nicht degradieren!). Und es geht mir auch weniger darum, mahnend den Zeigefinger zu erheben, sondern darum, eine solche Situation anders einzuordnen und Bewusstsein dafür zu schaffen, was sie impliziert bzw. welche Machtstrukturen sie perpetuiert. Natürlich sind solche Situationen auch abhängig von den beteiligten Personen und ihrer Beziehung – also ist die betreffende Kollegin Dir fremd oder hattest Du vielleicht sogar schon mal was mit ihr, etc.. Es geht um den Dialog auf Augenhöhe und nicht von oben herab. Dabei ist eben sehr viel Vorsicht geboten, weshalb meine Empfehlung eine grundsätzliche Zurückhaltung ist.
      Das Argument mit den „aufreizenden“ Kolleginnen oder auch Kolleginnen, die ihre Reize bewusst zu beruflichen Zwecken nutzen, höre ich sehr oft. Es ist für mich aber kein Argument gegen ein sexismusfreies Arbeitsumfeld, sondern dafür. Denn diese Strategie wird ja nur gewählt und funktioniert auch nur, weil eben sexistische Strukturen vorherrschen, die Frauen* eher über ihr Aussehen als über ihre Fähigkeiten definieren. Ich glaube jede Frau*, egal wie kurz der Rock, würde lieber für ihre Professionalität als für ihren Knackpo angestellt oder befördert werden. Es ist verlogen, Frauen vorzuhalten, sie würden das sexistische System zu ihren Gunsten nutzen. Was sollen wir denn sonst tun? Mit Rollkragen und Schlabberhose in der Ecke sitzen und vergeblich darauf hoffen, dass jemandem im Büro auffällt, wie gut unsere Arbeit ist?
      Desweiteren ist es eine tradierte Falle, das Auftreten einer Frau* immer in Beziehung zum Mann* zu sehen. Die Logik, eine sexy gekleidete Frau tue dies für ihre Wirkung gegenüber Männern, ist eine Annahme und keine Wahrheit. Sie unterstellt, dass Frauen* sich nicht für sich selbst sexy kleiden, z.B. weil sie sich in High Heels (warum auch immer) schöner finden oder ihnen das neue kurze Sommerkleid eben total gut steht. Wir können uns auch selber schön finden und brauchen dadurch NICHT die Bestätigung unserer männlichen* Gegenüber. Im Gegenteil ist diese ungefragt Bestätigung in Formen von Komplimenten eben ein anmaßender Eingriff in unsere Privatheit. In unserer Gesellschaft ist es ein erschreckender Usus, das Äußerliche von Frauen* ständig zu bewerten, während dies bei Männern* in diesem Ausmaß nicht der Fall ist. Es tut einfach nicht Not. Wenn Du eine Frau* schön findest, dann kannst Du Dich auch im stillen darüber freuen. Und wenn Du sie so anziehend findest, dass Du sie ansprechen willst, dann tu das – aber vielleicht nicht im Büro, sondern nach Feierabend, vielleicht nicht mit einem Kompliment auf ihren Minirock, sondern mit der Bekundung Deines Interesses an ihrer Person.
      Belästigung ist da, wenn der_die Betroffen dies fühlt. Das ist ein Fakt. Belästigung ist im Kern subjektiv, nicht objektiv. Es bringt niemanden weiter, Menschen, die sich belästigt fühlen, zu pathologisieren, wie Du es hier mit dem Schizophrenie-Argument tust. Es ist immer besser, in den Dialog zu gehen und herauszufinden, wodurch sich die Person bedrängt fühlt und das „Missverständnis“, so denn es eines ist, aufzulösen. Offenheit und Akzeptanz bezüglich der Gefühle Deines Gegenübers ist übrigens in jeder Begegnung eine gute Strategie. Das Ziel ist doch gegenseitiges Verständnis. Dazu müssen wir EINANDER erst einmal zuhören!
      In diesem Sinne: Noch mal vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich weiß, dass dieses Thema viele Männer* sehr verunsichert und ich hoffe, dass ich ein bisschen zu besserem Verständnis der Lage beitragen kann.

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