Erlebnisbericht vom Weddinger Bürgeramt

Als ich um viertel vor acht meine Wartenummer ziehe, weist mich der Automat freundlich darauf hin, dass bereits jetzt – eine viertel Stunde vor Öffnung der Büros – 97 Leute vor mir dran sind und ich bin erstaunt, wie viele Arbeitslose sich zu so einer Zeit aus dem Bett quälen.  Zum Glück habe ich vorgesorgt und mir nicht nur Frühstück mitgebracht, sondern auch genug Literatur, um mich die nächsten 24 Stunden zu beschäftigen. Mit meinem Wartenummernzettel schreite ich die Sitzreihen ab und suche den perfekten Platz, von dem aus ich nicht nur die Anzeigetafel sehen kann, sondern auch unangenehmen Sitznachbar_innen entgehe. Nach reiflicher Überlegung entscheide ich mich für einen Stuhl neben einer älteren Dame. Die war jedoch im Gegensatz zu mir offensichtlich so clever, sich im Vorfeld einen Termin zu besorgen und kaum ist es 8 Uhr, steht sie auch schon auf und verschwindet. Etwas nervös schaue ich auf die Schlange der Leute, die jetzt noch für neue Wartenummern anstehen und erstelle eine innere Rangliste, wen ich am liebsten auf dem nun frei gewordenen Platz neben mir zu sitzen hätte.

Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir den jungen Mann* herbei. Der scheint einen Urlaub zu planen, denn ich kann erkennen, dass er einen Reiseführer liest. Natürlich nicht irgendeinen, sondern den Lonely Planet, denn wenn eins schon im Wedding wohnt, dann ist eins nicht Pauschal-, sondern Individualurlauber_in. Wir sind ja alle so alternativ hier. 
Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsch mir nicht das Pärchen herbei. Ich frage mich, wie diese beiden jungen Leute überhaupt mit der freundlichen Beamtin sprechen wollen, die später mit ihnen gemeinsam die Ummeldung auf den neuen, gemeinsamen Wohnsitz durchführen wird. Sie können einfach nicht aufhören zu knutschen, ihre Lippen scheinen miteinander verwachsen zu sein. Insbesondere er kann einfach nicht von ihr ablassen. Ich erwäge, ihnen zu erzählen, dass sie sich gerade ihr eigenes Grab schaufeln und dass das jetzt ihre letzte Chance sei, den Verstand zu reaktivieren und die richtige Entscheidung zu treffen, die da wäre, auf keinen Fall zusammenzuziehen. 
 
Aber ich entscheide mich dann doch dagegen, denn ich werde in Panik versetzt, als sich ein weiteres glückliches Paar auf die freien Plätze neben mir setzt. In dem krampfhaften Versuch, mich abzulenken, stiere ich richtungslos durch den Raum, treffe dabei aber versehentlich den Blick eines jungen Türken, der sich natürlich umgehend angebaggert fühlt und fortan durchgehend in meine Richtung geifert. Während ich mich noch im „Unauffällig-aber-demonstrativ-Wegschauen“ übe, hat das Liebesglück neben mir begonnen, sich mit einem Streichelhandy abzulenken. Er erklärt ihr die komplexe Funktionsweise („Anfassen“) und sie beginnt, das Mobiltelefon wie ein Schwert durch die Luft zu schwingen. Leider kann ich nicht erkennen, welches Spiel sie gerade spielt, aber ich tippe auf irgendetwas martialisches. Hätte ich meinen iPod mit der Laserschwert-App dabei, würde ich sie jetzt zum Duell um ihren Freund herausfordern. 
 
Während die junge Frau* also die Luft durchpflügt, geht auch die türkische Familie hinter mir zur medialen Unterhaltung über und drückt ihrem quengelnden Kleinkind ein iPhone in die Hand. Wer sich heutzutage alles ein iPhone leisten kann, grummele ich in mich hinein. Fehlt nur noch dass die beiden „Assi-Mütter“, die für ihren Termin beim Amt vermutlich ihre sieben Blagen (jeweils) unbeaufsichtigt zu Hause gelassen haben, jetzt aus den Taschen ihrer seit 15 Jahren aus der Mode gekommenen Trainings-Jacken ein iPhone herausziehen und gegeneinander Tetris spielen. Ich bin einfach zu neidisch für diese Welt, denke ich mir, und schaue betrübt auf mein analoges Kreuzworträtsel.
 
Nach nur zwei Stunden Wartezeit, die im Verhältnis zu den nicht mal fünf Minuten Beamt_innenkontakt noch immer haarsträubend sind, kann ich mich von diesem Mikrokosmos verabschieden. Bevor ich das Gebäude verlasse, fällt mein Blick noch auf eine junge Muslima, die sich ihr Handy praktischer Weise zwischen Kopftuch und Wange geklemmt hat – eine kostenlose Freisprechanlage, um die ich sie wirklich beneide.
 
Moment mal. Bin ich wirklich neidisch darauf, unabhängig von den Witterungsverhältnissen ganzkörperverhüllt durch die Welt zu schreiten? Was bin ich doch für ein missgünstiger Mensch. Seit ich diesen Warteraum betreten habe, war ich nichts als neidisch und boshaft. Den glücklichen Pärchen gönne ich ihre Liebe ebenso wenig wie der türkischen Familie ihr iPhone. Den Sportjackenträgerinnen unterstelle ich unreflektiert eine Karriere als asoziale Teenymutter und von den freundlichen Blicken des jungen Türken fühle ich mich sofort bedroht. Viereinhalb Jahre Wedding und noch so vorurteilsbelastet. Mit dem festen Vorhaben mich zu bessern mache ich mich auf den Nachhauseweg.
 
Ein paar Meter vor meiner Haustür lehnt ein südländisch wirkender Mann* an der Wand. Ich nicke ihm freundlich zu, wie mensch das so macht, wenn eins Nachbar_innen trifft. „Ey, Große, darf ich mal anfassen?“ erwidert er in einem schleimigen Macho-Tonfall und ich entscheide, dass so ein paar Vorurteile vielleicht am Ende gar nicht so schlimm sind.

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