Ein Märchen

Es war einmal in einem fernen Land in einer fernen Zeit ein grausamer König. Er ließ sein Volk verhungern und führte blutige Kriege gegen seine Nachbarn. Selbst seine Frau die Königin behandelte er schlecht. Er schlug sie und sperrte sie im Turm ein.
 
Selbst als die Königin schwanger wurde, musste sie viele Tage oben im Turm verbringen. Sie war sehr traurig – wollte sie doch ihr Kind nicht in eine solche Welt hinein gebären. Weinend saß sie am Fenster und sang ein trauriges Lied. Das Lied war so herzzerreißend, dass die Vögel es nicht mehr vergessen konnten und wo immer sie hinflogen, dieses Lied sangen.
 
Eines Tages hörte eine gute Frau das Lied von der traurigen Königin. Sie konnte kaum fassen, welches Leid sie da vernahm und machte sich sofort auf in das ferne Land, das von dem grausamen König regiert wurde.
 
Doch der Weg war sehr weit und als sie dort ankam war die Königin – vor lauter Trauer geschwächt – im Kindbett gestorben. Die gute Frau war wütend auf den grausamen König und beschimpfte ihn. Als der König erfuhr, welche Lieder seine Frau am Fenster des Turmes gesungen hatte, entbrannte sein Hass noch viel stärker. Er ließ die gute Frau sofort töten und das neugeborene Kind, eine Tochter, von seiner Hofzauberin für immer verfluchen.
 
Die Königstochter würde ihr Leben lang in den Augen junger Prinzen entstellt und hässlich aussehen, ihre Stimme würde rau und garstig klingen, ihre Bewegungen tollpatschig und grob sein. Niemand würde sie jemals lieben können.
Die Königstochter wuchs auf und versteckte sich vor dem Rest der Welt. Sie schämte sich schrecklich für ihr furchtbares Wesen und verbrachte die meiste Zeit in dem Turmzimmer, in dem auch ihre Mutter eingesperrt gewesen war.
 
Wie die Jahre ins Land gingen, wurde dem König allmählich klar, dass er einen Nachfolger für sein Königreich bräuchte. Aber natürlich war kein Mann weit und breit zu finden, der seine Tochter auch nur ansehen wollte. Der König fing an, seine Taten zu bereuen. Er fühlte sich plötzlich einsam und erkannte, dass er ein schlechter Mensch gewesen war.
 
Er ging zu der Zauberin und fragte, ob der Fluch nicht rückgängig zu machen sei. Die Zauberin schüttelte zunächst den Kopf. Doch als sie die aufrichtige Trauer des Königs sah, gab sie zu, dass es doch eine Möglichkeit gäbe. Wenn der König in der Lage wäre, sich selbst zu verzeihen, so könnte seine Tochter erlöst werden.
Der König freute sich sehr. Dies konnte doch nicht so schwer sein, dachte er. Doch je mehr er sich mit seinen Taten, seinen Kriegen und den Hungersnöten seines Landes auseinandersetzte, desto mehr hasste er sich selbst und desto hässlicher und einsamer wurde seine Tochter.
 
Es gibt nur einen Weg mir zu verzeihen, dachte sich der König. Wenn meine Tochter mir verzeiht, dann kann auch ich mir verzeihen.
 
Entschlossen stieg er die Stufen des Turmes hinauf und trat in das Zimmer, in dem sich das Königskind aufhielt. Doch er fand nur noch einen leeren Stuhl am Fenster, das Kopftuch seiner Tochter flatterte im Wind. Und auf dem Fenstersims saß ein Vogel und sang das traurigste Lied, dass er jemals gehört hatte.
 
Die Königstochter blieb für immer verschwunden und kehrte nie wieder zurück. Der König starb einsam und allein und konnte sich niemals verzeihen.
Der Vogel jedoch trug das Lied in die weite Welt, um allen Menschen diese Geschichte zu erzählen, von dem Mädchen, das verflucht war, niemals geliebt zu werden. Und das Lied ist so traurig, dass alle Vögel dieser Welt es bis zum heutigen Tage nicht vergessen haben.
 
Manchmal, wenn es draußen plötzlich ganz still wird und die Menschen schlafen, dann ist es zu hören. Und die Menschen erzählen sich, wer das Lied gehört hat, dem_r wird das Herz aufgetan und er_sie kann die Schönheit all der verfluchten Menschen dieser Welt erkennen.
 
Also hört gut zu und schaut gut hin!

2 thoughts on “Ein Märchen

  1. Wow. Da muss ich die Frage stellen „Gefunden oder selbst geschrieben?“ – und das soll ein Kompliment sein, und keine Unterstellung, dass ich Dir nicht zutraue so etwas zu schreiben. ;D

  2. Natürlich ein Original! Auf dieser Seite gibt es keine Plagiate. Sämtliche Co-Autoren werden ggf. immer angegeben.Aber dank für das Kompliment!

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