Die Wüste lebt

Drei Wochen Urlaub in Las Vegas liegen hinter mir – Zeit ein Resümee zu ziehen (ja, das wird in der neuen Rechtschreibung offensichtlich so geschrieben; zumindest sagt das mein Schreibprogramm).
 
In dieser Stadt ist alles Fake. Nichts ist so wie es scheint. Die echten Dinge sind eigentlich Fake, und die falschen eigentlich echt. Obwohl mensch es nicht für möglich halten würde, hat Las Vegas keine Indoor-Skihalle, sondern ein ganz reales und authentisches Ski-Gebiet auf dem Mount Charlston, in dem eine Schweizerin in zweiter Generation einen Lift betreibt. Das war ein Beispiel für Dinge, die wie Fake wirken, aber im Grund echt sind. Andersherum geht es natürlich auch. Das Haus, in dem ich residierte, verfügt über charmante Fensterläden, die auch gut zum Stil des Bauwerks passen. Erst am letzten Tag fiel mir auf, dass sich diese Läden nicht schließen lassen und – selbst wenn – niemals die gesamte Fensterfront verdecken würden. Sie dienen lediglich der Zierde. Und auch mit den Menschen verhält es sich so: Ich hab Menschen kennengelernt, die authentisch wirken, aber im Grunde nur aus einer künstlichen Fassade bestehen, aber ebenso Menschen, die oberflächlich und künstlich wirken, aber im Grunde tiefgründig und authentisch sind.
 
Las Vegas ist eine Stadt der hemmungslosen Vielfalt. Hier darf alles nebeneinander existieren. Läuft mensch zwischen den Hotels über den Boulevard und passiert reihenweise Mexikaner, die Flyer mit aufgedruckten barbusigen Hostessen verteilen. Und mittendrin, fast in der spanisch-sprachigen Menge untergehend, steht ein junger Afrikaner und verkauft selbstverfasste Gedichte. Deshalb kann ich in Hippie-Klamotten auch neben der Freundin meines Vaters rumlaufen, die sich im Stil der 50er Jahre Pin-Up Mode stylt, ohne dass sich irgendjemand auch nur im Entferntesten darüber wundert. Als ich selbst im Rockabilly-Kleid durch die Stadt schritt, erntete ich keine misstrauischen Blicke, sondern Komplimente. Ich habe einen „Elvis“ kennengelernt, ein mathematisch-physikalisches Genie, eine Pastorin, die in einer klassischen Wedding-Chapel arbeitet und von sich selbst sagt, sie sei seit 27 Jahren verheiratet, habe diese Zeit aber gerecht auf 3 Ehemänner verteilt… Es gibt einfach kaum etwas, dass es hier nicht gibt.
 
Manche Dinge habe ich hier gelernt, z.B. dass Geld nicht glücklich macht, dass Erfolg uns immer nur ein Stück weit trägt und dann wichtigeren Bedürfnissen – wie z.B. Familienzusammenhalt – Platz machen muss. Es gibt aber auch Dinge, die ich bis zum Ende nicht gelernt habe. Dazu gehört das Bestellen im Restaurant: Ich hatte grundsätzlich das Gefühl, zu wenig Essen bestellt zu haben und war dann schließlich übersatt. Oft habe ich nicht mal meine Portionen komplett vertilgen können. Ich vermute, die Amerikaner_innen kochen einfach mit so viel Fett, dass selbst ein Salat genug Kalorien liefert, um eine 8-köpfige deutsche Familie zu versorgen. Weiterhin ist es mir bis zuletzt nicht gelungen, eines dieser Selbst-Spül-Klosetts regelkonform zu benutzen. Die Toiletten in Las Vegas sind grundsätzlich sauber, es gibt immer Klopapier und darüber hinaus diese praktischen Papierringe in Klobrillenform, die einem das unangenehme Hocken über der Schüssel ersparen. Immer wenn ich gerade das Papier einigermaßen auf der Brille platziert hatte – und schon das ist eigentlich eine Kunst – und im Begriff war, mich niederzulassen, legte plötzlich sprudelnd die Spülung los. Hatte ich mich erfolgreich erleichtert, stand ich oft minutenlang vor der Toilette und wartete vergeblich darauf, dass endlich der reinigende Strudel einsetzte. Ein Mysterium!
 
Am Ende meines Urlaubs habe ich erfolgreich 4kg zugenommen. Dies liegt nicht nur an meiner Unfähigkeit, Portionen sinnvoll zu bemessen, sondern auch an der allgemeinen amerikanischen Bewegungsarmut. Die Amis an sich und die Las Veganer_innen im Speziellen bewegen sich nur vom Haus ins Auto und vom Auto in den Supermarkt. Mehr Strecken legen sie in der Regel nicht fußläufig zurück. Meistens nicht mal das, denn es gibt quasi für alles ein Drive In in dieser Stadt, nicht nur für Fastfood-Ketten, sondern auch für Heiratskapellen!
 
Unterm Strich war Las Vegas durchaus beeindruckend – manchmal positiv, manchmal negativ. Ich kann mir ein Leben in der Wüstenstadt nur sehr schwer vorstellen. Mir kommt es vor, als handele es sich hier um die rein stereotype Umsetzung des amerikanischen Way of Life. Alle Vorurteile, die ich als Europäerin den Amis entgegenbringe, werden hier bestätigt. Dazu ist es fast schon antiseptisch – nicht nur die Toiletten, sondern auch die Straßen, die Einkaufszentren… Alles erscheint auf eine konstruierte Art und Weise gepflegt und dadurch unbelebt.
 
Ich freu mich jetzt wieder auf den versifften Wedding. Auf lärmende Kinder auf dem Sparrplatz, Hundehaufen auf dem Gehsteig, betrunkene Assis vor dem Kiosk, aber auch auf die BVG, die mich überall hinbringt, auf mufflige, aber wenigstens authentische Berliner Schnauzen und all die lieben Menschen, die mir ein Gefühl von Heimat geben.
 
Um es mal mit den Worten des Prime Time Theaters zu sagen: „Real sex is only Wedding!“

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