Der Tod der Revolution – Was hat uns bloß so ruiniert?

Ich war letzten Sommer auf Kuba, eine Reise, die mein Leben verändert hat – in welchem Ausmaß, wird sich noch herausstellen, wenn ich in zwei Wochen wieder dorthin zurückkehre. Daher wird es auf diesem Blog wohl noch so einige Einträge zu meinen Eindrücken von Land und Leuten geben.

Anlässlich eines Films, den ich dieses Jahr beim Pornfilmfestival Berlin gesehen habe, möchte ich mit Gedanken zum Thema Revolution bzw. ihrer merkwürdigen Abwesenheit beginnen. Maldito sea tu nombre, libertad ist der Name des verstörenden historischen Dokuments, dass das Pornfilmfestival dieses Jahr im Rahmen des Schwerpunkts Aids/HIV dem Publikum präsentierte. Es handelt sich um eine Zusammenstellung von Interviews aus dem Jahr 1994, die Regisseur Vladimir Ceballos mit HIV-positiven Menschen geführt hat, die sich das Virus selbst injiziert haben.

Ende der 80er und zu Beginn der 90er, so erzählen die Protagonist_innen, war die kubanische Gegenkultur, Rocker mit langen Haaren und entsprechendem Musikgeschmack, anhaltend Opfer von Repressionen, Verhaftungen und hohen Geldstrafen für das, was andernorts maximal als befremdliche Jugendkultur abgenickt wurde. Zur selben Zeit begann Kuba, HIV-positive Menschen in Sanatorien zu isolieren, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern. In dem Glauben, das Sanatorium sei ein freierer Ort als die Welt außerhalb, infizierten sich die „roqueros“ bewusst mit HIV – ein Selbstmord auf Raten, aber auch eine Flucht in eine trügerische Freiheit, die eigentlich keine war. Vor der Polizei waren sie nun sicher, aber der Preis war hoch.

In den Interviews mit Vladimir Ceballos sind die meisten Gesprächspartner_innen erstaunlich ruhig, nur eine allein erziehende Mutter äußert so etwas wie Verzweiflung in Anbetracht ihres zu erwartenden frühen Todes. Manch eine_r formuliert vage Zweifel an der Entscheidung, doch die meisten akzeptieren die Situation so wie sie ist, ändern könne eines ja nun ohnehin nichts mehr. Sie fühlen sich von der Politik zu diesem Schritt gezwungen und sehen auch in der Rückschau keine Alternative zu ihrer Entscheidung.

Überall ist es besser als in Kuba. Nie wieder will ich für diese Regierung arbeiten.

Das sind Sätze, die auch ich letzten Sommer gehört habe. Es ist viel passiert in den letzten 20 Jahren und noch habe ich nicht ausreichend Einblick in dieses Land, um zu ermessen, was genau sich wie stark verändert hat. Das Erschreckende aber ist, dass sich vieles auch NICHT verändert hat.

Sich bewusst mit HIV zu infizieren, ist für die Menschen in Kuba kein im eigentlichen Sinne politischer Akt gewesen, da es ihnen – so zumindest schlussfolgere ich aus den Interviews – nicht um die Wahrnehmung der Öffentlichkeit oder einen zielgerichteten Druck auf die Regierung ging. Es handelte sich um die private Flucht aus einer Notsituation, aus Schulden und der ständigen Bedrohung durch willkürliche Polizeigewalt. Nicht zuletzt waren auch die Lebensbedingungen in Kuba nach dem Fall des eisernen Vorhangs auf Grund des Handelsembargos unvorstellbar hart. Es gab einfach nichts, nicht einmal ausreichend Nahrung für die Bevölkerung. Die deutsche Phrase „Wir hatten ja nichts im Osten“ wirkt wie Hohn, wenn eines sich mit Kubaner_innen über die 90er Jahre unterhält.

© Robert Roman

© Robert Roman

Was mich an Kuba schon im vergangenen Sommer fasziniert hat, ist die Abwesenheit von Revolution. Wir sprechen hier von einem Land, das seine Revolutionäre feiert, wie kein anderes, das mir näher bekannt ist. Wohin eines auch schaut: Überall Bilder von Fidel und Ché, überall kämpferische Parolen: „Hasta la victoria siempre“ – immer bis zum Sieg. Wo ist dieser Kampfgeist geblieben?

In dem Selbstmord auf Raten, um den es in Maldito sea tu nombre, libertad geht, ist er jedenfalls nicht. Hier entscheidet sich die potentielle Opposition lieber in den Tod zu gehen, fühlt sich so ihrer Handlungsoptionen beraubt, dass aktiver und organisierter Widerstand nicht in Frage kommt. Und auch vergangenen Sommer war ich überrascht von dem Nebeneinander der glorifizierten Revolution und demütiger Akzeptanz.

Achtung, denn eines darf sich von diesem Vokabular nicht täuschen lassen. In der Passivität der Kubaner_innen sehe ich auch eine große Stärke. Diese Menschen regen sich für mein Empfinden deutlich weniger über Probleme auf, akzeptieren ihr Vorhandensein und versuchen sich damit zu arrangieren. Das spart für mein Empfinden auch eine Menge Energie.

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

So betete schon Reinhold Niebuhr und im Grunde ist die kubanische Fähigkeit, über Missstände hinwegzusehen, genau das: Ich rege mich nicht über Dinge auf, die ich nicht ändern kann, sondern spare meine Energie, um mich bestmöglich mit der Situation zu arrangieren.

Im Kontext eines Landes, das mehrere Generationen von Revolutionären verehrt, wirkt diese Haltung trotzdem inkonsistent. Es ist sicherlich der richtige Weg, sich nicht wie die hiesigen Wutbürger über jeglichen (eingebildeten) Missstand zu erzürnen. Aber wo ist der zweite Teil des Gebets, der Mut etwas zu verändern? Muss nicht irgendwann der Punkt kommen, an dem die Menschen wieder aufstehen und sich zur Wehr setzen? Und was hindert sie daran? Warum gibt es trotz all der Not und Probleme in Kuba so wenig Widerstand? Weshalb ist für die meisten Menschen Selbstmord oder Flucht die einzige Lösung? Ist es Angst? Ist es Hoffnungslosigkeit? Wie passen diese Gefühlszustände mit der kubanischen Lebensfreude zusammen? Ich hoffe, dass ich zumindest auf ein paar dieser Fragen im Rahmen meiner nächsten Reise eine Antwort finde.

Aber schauen wir zum Ende noch einmal auf uns selbst. Mir kam beim Schreiben dieses Posts das Lied Zu Jung von Kraftclub in den Sinn, in dem die Chemnitzer Band über eine Generation singt, die nicht mehr rebellieren kann, weil sie keine Strukturen oder Feindbilder mehr findet, gegen die sie sich auflehnen könnte.

Ganz richtig ist das natürlich nicht, immerhin gehen dieser Tage viele Menschen auf die Straße – meines Erachtens nicht immer für die richtige Sache, aber das nur am Rande. Ein bisschen etwas von diesem Tod des revolutionären Geistes sehe ich trotzdem auch in unseren Breitengeraden, ein bisschen von dieser „Es lässt sich ja eh nicht ändern“-Haltung, gepaart mit einem Eskapismus, der sich lieber in digitale Welten und Comicverfilmungen flüchtet, als auf die Missstände dieser Welt oder auch nur dieses Landes zu blicken. So warte ich immer noch vergeblich auf den Aufschrei in Anbetracht der „Umstrukturierung“ der Berliner Zeitung und des Sterbens unabhängiger Medien allgemein. Ich warte schon lange auf das Explodieren der Zeitbombe, die an der Reibungsfläche zwischen Kapitalismus und digitaler Umsonstkultur vor sich hin tickt. Und ich warte durchaus auf einen Millionen Menschen starken Marsch gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit, gegen Diskriminierungen aller Art, für Menschenrechte und tatsächliche Solidarität. Quasi ein „March on Berlin“ im Stil von Martin Luther King Jr.

Und da könnte eine kubanische Reisende in Deutschland genauso verwirrt auf die Widersprüchlichkeit unseres Landes schauen und in ihr Tagebuch schreiben: „Die Deutschen sind ein merkwürdiges Volk. Auf der einen Seite regen sie sich ständig über alles auf, geraten schon bei den kleinsten Verspätungen der Bahn in Rage und Verzweiflung. Aber wenn eines sie fragt, ob sie für ihre politischen Interesse auf die Straße gehen, werden sie plötzlich wieder ganz ruhig, werden die Probleme plötzlich wieder ganz klein, werden vor allem sie selbst wieder ganz klein. Was kann ich kleiner Menschen schon ausrichten? Es ändert ja doch nichts, egal was ich tue.“

Ob Kuba oder Deutschland. Ich frage mich ein ums andere mal: Was hat uns bloß so ruiniert?

 

One thought on “Der Tod der Revolution – Was hat uns bloß so ruiniert?

  1. […] andere Form der Horizonterweiterung bot der Dokumentarfilm Maldito sea tu nombre, libertad, den ich auf meinem persönlichen Blog etwas ausführlicher besprochen habe, weil er sich schwerlich in das Konzept der FILMLÖWIN […]

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