Berliner Gestalten

Kürzlich hatte ich Besuch in Berlin von einem guten Freund, der ebenfalls eine deutsche Großstadt bewohnt – zumindest nach eigener Aussage; wir Berliner_innen wissen ja, dass wir in der einzig wahren Großstadt Deutschlands leben. Nun, dieser „Stadtmensch“ also beobachtete die hier ansässigen Passanten und urteilte: Alles Freaks! So viele Freaks, sagte er, wie hier auf einem Haufen wären, gäbe es sonst nirgends.
 
Quatsch… dachte ich mir. Erstens ist das doch in jeder großen Stadt so und zweitens gibt es doch eigentlich gar nicht so viele auffallend „merkwürdige“ Gestalten.
 
Dieser Meinung war ich – bis heute.
 
Ich verließ das Haus um kurz vor 19 Uhr, Ort: Berlin Mitte. Vor meinem Haus war gerade ein junges Pärchen dabei in die Tiefgarage zu fahren. Vom Alter her schrammten sie nur ganz knapp an der Grenze vorbei, unter der sie meine Kinder hätten sein können. Sie fuhren einen niegelnagelneuen Mercedes…. KOMBI!! Ich war so irritiert, dass ich beinahe in ein weiteres Auto gerannt wäre, dass in zweiter Reihe parkte. Es handelte sich um einen dieser kleinen pinken Notarztwagen, welcher auch besetzt war. Der Dienst habende Arzt war gerade dabei sich eine Zigarette anzuzünden.
 
Irgendetwas stimmt heute nicht, dachte ich. Irgendetwas ist merkwürdig. Ich rettete mich von der scheinbar chaotischen Straße in den U-Bahnhof. Dort war gerade ein Obdachloser dabei, den Bahnsteig rauf und runter zu laufen, eine BZ von vorletzter Woche in der Hand, und unverständlich vor sich hin zu reden. Wahrscheinlich sagte er so etwas wie: „Mein Name ist Udo und ich verkaufe die Motz…“ Vermutlich befand er sich in irgendeinem Delirium, was ihm vorgaukelte, die BZ sei eine aktuelle Motz und der sich unberechenbar bewegende Bahnsteig wäre eine fahrende U-Bahn.
 
Zum Glück stieg er nicht in meinen Zug, als dieser einfuhr. Erleichtert stieg ich in meinen Waggon und mein Blick fiel auf …. AAAHHHH…. Blade! Blade mit Gitarre! Blade mit Gitarre? Ja, an so einem Tag wie heute in einer Stadt wie Berlin arbeitet Blade als Gitarrenmusiker in der U-Bahn. Ich war so perplex, dass ich ihm sogar 50 Cent gab. Ich hoffe, damit kauft er sich ne Blutkonserve.
 
Ich war auf Grund dieses Treffens sehr erleichtert, als ich umsteigen durfte. Noch etwas nervös lief ich zum anderen Gleis hinüber. Auf halber Strecke saß ein weiterer Musiker. Stocksteif blieb ich stehen. Genau schaute ich hin, um zu sehen, ob es sich vielleicht um eine Vampir-Invasion handelte. Aber nein, dies hier war ein Ire! Das stand zumindest auf seinem Schild. Original irische Musik. Und darunter „straight from the Pub“. Genauso sah der Mann auch aus. Bloß schnell weiter. Sonst verpass ich noch den Zug.
 
Diesmal gab es keine psychotischen Pseudo-Motzverkäufer und auch keine Gitarre spielenden Halbblut-Vampire… dafür aber stieg ein außergewöhnlich gekleideter Mann in den Zug. Er trug Bundeswehrstiefel und einen Kilt. Noch während ich versuchte dieses Bild in die Berliner U-Bahn im Winter einzuordnen, fiel mir meine Mutter ein, wie sie mir schon in jungen Jahren beibrachte: „Die Schotten tragen unter ihren Röcken keinen Schlüpfer! Wenn Du Dich auf den Boden legst, kannst Du ihren Puller sehen!“ Ich wollte gerade laut zu lachen anfangen, da fuhren wir in meine Zielstation ein und ich konnte aussteigen.
 
Zwei Stunden später auf dem Rückweg wollte ich schon gar nicht mehr so genau hinsehen, von welchen Freaks ich umgeben war. Dennoch ließ es sich nicht vermeiden zu bemerken, dass der junge Mann, der lässig an die Tür gelehnt stand, ein bodenlanges lila Kleid trug. Beim Umsteigen kreuzte trotz Tunnelblick ein Indianer mein Blickfeld. Bevor ich endgültig verrückt werde, dachte ich mir, schau ich lieber U-Bahn-Fernsehen. Und diesmal war es sogar informativ…
Fasching! Karneval!
 
Deshalb laufen heute so viele Freaks in dieser Stadt rum.
Nun war ich beruhigt. Alles normal, alles im grünen Bereich. Alles wird gut. Es gibt für alles eine Erklärung.
Mal schauen, welche ich mir morgen ausdenke…

One thought on “Berliner Gestalten

  1. Anonym

    Ich für meinen Teil möchte sagen, dass wenn man eine wirklich krasse Freakshow erleben will, man sich einfach um 7 Uhr morgens auf die Kao San Road in Bangkok stellt. U.u. könnte jedoch ein Besuch des Nachtlebens von Bangkok NOCH im sprichwörtlichen Sinne unglaublicher werden. Tja mir wurde gesagt, dass ich nicht der erste war, der seinen Glauben an die Weltordnung und an den menschlichen Verstand in Bangkok verloren hat. Dagegen ist Berlin ein verschlafenes Nest mit ganz gemütlichen und absolut normalen Bewohnern. StephanPS: Im Nachgang habe ich natürlich auch „The Beach“ besucht ;)! Und das gab mir tatsächlich den Rest…

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