Aufschreiende Feministinnen

Schon lange habe ich nichts mehr geschrieben, was nicht auf die eine oder andere Weise mit dem Thema Film zu tun hat. Aber nun kann ich doch nicht an mir halten und muss ein paar feministische Worte loswerden. Alles begann mit der #Aufschrei Aktion bei Twitter. Aufbauend auf Herrn Brüderles „Flirtereien“ mit einer Journalistin sammelten Twitter-User_innen ihre alltäglichen Erfahrungen mit dem Thema Sexismus. Und es dauerte keine zwei Minuten, da waren mir auch schon die ersten eigenen Erlebnisse eingefallen.

Es ist nur meinem Arbeitspensum zu verdanken, dass ich nicht den ganzen Tag bei Twitter verbrachte, denn je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr Episoden aus meinem Leben fielen mir ein, die sich in die Kategorie Sexismus einordnen ließen. Mein Vermieter beispielsweise, der auf meine Anfrage einen Handwerker zu schicken, weil es reinregnete, entgegnete, von diesen Dingen hätte ich keine Ahnung und das Eindringen von Wasser bei Regen sei völlig normal. Erst als mein damaliger Freund zum Hörer griff, und seinen männlichen Fachverstand betonend um Reparatur bat, wurden unsere Fenster ausgetauscht. Oder aber der Filmemacher unter dessen Regie ich einst als Antigone für einen Kurzfilm vor der Kamera stand und der mich eines Tages darauf hinwies, dass er sich nicht konzentrieren könne, wenn ich zu den Proben enge T-Shrits tragen würde.

Vorkommnisse dieser Art könnte ich zu Hauf zitieren. Aber warum habe ich mich eigentlich niemals diskriminiert gefühlt? Bis vor kurzem habe ich mich nicht einmal als Feministin bezeichnet, fand es übertrieben heutzutage noch von Sexismus und Diskriminierung gegen Frauen zu sprechen. Die Antwort lautet: Sozialisation. In meiner Welt ist es eben normal, dass ich auf offener Straße von Männern gefragt werde, ob ich Sex mit ihnen haben möchte, dass mir nachgepfiffen wird, wenn ich mich wirklich einmal traue, ein kurzes Sommerkleid zu tragen und dass mein Uni-Prof eine beiläufige Bemerkung über mein Outfit macht. 

In seiner gestrigen Sendung fragte Günther Jauch entsetzt, ob es denn nun verboten sei, Frauen Komplimente zu machen. Ein guter Freund von mir sagt immer, Frauen Komplimente zu machen sei wie Topfschlagen im Minenfeld. Ein bisschen stimmt das vielleicht sogar und das müssen wir als Feminist_innen meiner Meinung nach auch einräumen. Der Grat zwischen unlauterer Anmache und Kompliment ist in der Tat sehr schmal. Der entscheidende Punkt ist jedoch ein ganz anderer: Wie oft passiert es denn einem männlichen* Studenten, dass er von einer Professorin auf seine Klamotten-Wahl angesprochen wird? Wie oft passiert es einem jungen Mann*, dass er auf offener Straße von Frauen* mit Blicken ausgezogen und ohne einen Anlass dazu gegeben zu haben, mit platten Anmachen bedacht wird? Genau: Nie! Stellt euch doch einmal vor, was passieren würde, wenn eine Politikerin einen männlichen* Journalisten anbaggern würde. Ein Skandal! „Angela Merkel im Östrogen-Taumel – Bundeskanzlerin kann sich nicht beherrschen“.

Frauen*, die sich als sexuelle Wesen präsentieren sind nämlich in der öffentlichen Meinung meist „promiskuitiv“, während balzende Männer* schlichtweg normal sind. Was die Komplimente angeht, würde ich den Herren* der Schöpfung einfach einmal raten, sich in die Position der Frau* zu versetzen und sich ganz ehrlich die Frage zu stellen, auf welche Weise sie gerne angesprochen werden möchten. „Ey Du Macker, Du hast ja mächtig was in der Hose“ dürfte selbst den härtesten Kerlen zu platt sein, da bin ich mir sicher. Und da wären wir meiner Meinung nach auch beim Kern der Debatte.

Wir können viel darüber diskutieren, wo Sexismus anfängt und aufhört und jede Frau* und jeder Mann* hält wahrscheinlich eine vollkommen andere Definition parat. Entscheidend ist für mich aber immer die Frage, wie es andersherum aussehen würde. Mein persönlicher Sexismus-Test: Vertausche in einer Geschichte die Geschlechterrollen und stelle Dir die Frage, ob das „normal“ sei, wie die Reaktion des sozialen Umfelds aussähe und wie Du Dich selbst – ob Mann* oder Frau* – dabei fühlen würdest.

Der Skandal an dieser ganzen Geschichte ist ja, dass wir den Status Quo für so furchtbar normal halten. Das ist nicht ungewöhnlich. Es gab Zeiten, da war es normal, dass Frauen* nicht wählen durften – weder bei politischen Abstimmungen noch bei der Eheschließung. Stellt jemand den Status Quo in Frage gibt es immer einen Aufschrei, was die Reaktionen auf die Twitter-Aktion von @marthadear und ihren Mitstreiter_innen eindrucksvoll gezeigt haben und sich auch stets in den Kommentaren auf meiner Moviepiot-Kolumne offenbart. Bestehende Strukturen in Frage zu stellen und zu verändern ist eben immer mit starker Gegenwehr verbunden. Erstaunlich ist das nicht.

Wie schwierig dieser Prozess ist, hat die gestrige Talkrunde bei Günther Jauch deutlich gezeigt. Das Thema Sexismus wurde von den Gästen immer wieder erfolgreich verdrängt, verlacht und kleingeredet. Allen voran sorgte Hellmuth Karasek dafür, dass die Frage nach sexueller Belästigung immer mehr zu einem Herren*witz wurde und die Veranstaltung weniger einer Talkshow und eher einer Karnevalssitzung ähnelte. „Man SOLL Frauen auf die Brüste gucken. Dafür wurde doch das Dirndl erfunden“, posaunt Karasek und das Publikum applaudiert vor Freude und Wonne. Warum? Weil diese Art Rhetorik Teil unserer Normalität ist!

Ach, wir sind ja so aufgeklärt. Wenn ich jemandem erzählen will, dass meine Freundin mit einem Kongolesen verheiratet ist, suche ich händeringend nach dem politisch korrekten Wort. Witze auf Kosten von ethnischen Minderheiten oder Menschen mit Behinderung werden von meinem sozialen Umfeld geradezu mit Abscheu bestraft. Wie kannst Du so etwas sagen?! Aber wenn Karasek der gesamten Nation erlaubt, Frauen* auf die Titten zu starren, dann gibt es Applaus! Häh?! Und dann kommt so eine Person wie Wibke Bruhns und fällt ihren eigenen „Schwestern“ in den Rücken, weil sie meint, nur weil sie es im Leben zu etwas gebracht habe, würden niemand anderem Steine in den Weg gelegt. Verteidigen sollen wir uns! Da überkommt mich Fassungslosigkeit. Wieso soll ich mich denn verteidigen? Habe ich denn irgendetwas verbrochen mit meiner Geschlechtsidentität? Es sollte überhaupt nicht notwendig sein, mich zu verteidigen! Aber statt die männliche Meinungshoheit anzugreifen und den Herren* der Schöpfung ihre Angriffe zu untersagen, werden die Frauen* in die Verteidigungspostion berufen. Täter-Opfer-Verdrehung, der Klassiker in dieser Diskussion.

Missbrauchs- und Vergewaltigungsüberlebende sollen sich gefälligst nicht so „promiskuitiv“ (da haben wir’s wieder!) verhalten und Frauen*, die sich sexuell belästigt fühlen, gefälligst zur Wehr setzen. Ja, lasst uns weiter die Symptome bekämpfen und die Ursache vernachlässigen. Nicht, dass wir am Ende noch irgendetwas wirklich verändern müssen. Das wäre ja anstrengend.

So haarsträubend all dies auch sein mag, Brüderle, Karasek und Co. haben es geschafft eine Diskussion loszutreten. Menschen beziehen Stellung und beginnen zu verstehen, was der Terminus Feminismus heutzutage bedeutet. Die Generation vor uns hat viele praktische Siege errungen, von denen wir heute profitieren. Doch die angebliche „Normalität“ zu dekonstruieren, ist die Aufgabe unserer Generation. So lange es noch Menschen gibt – egal welcher Geschlechtsidentität – die der Meinung sind, es habe nichts mit Sexismus zu tun, wenn Politiker Journalistinnen auf ihre Brüste ansprechen, hat der Feminismus eine Daseinsberechtigung. Liebe Wibke Bruhns, wir tun genau das, wozu Sie uns geraten haben: Wir wehren uns. Wir wehren uns mit einem Aufschrei, damit eines schönen Tages diese Gegenwehr nicht mehr notwendig ist. Und ich mache mit. Ich bin Feministin. Und ich kann endlich sagen: Das ist gut so!

5 thoughts on “Aufschreiende Feministinnen

  1. Anonym

    Du bist wahnsinnig doof, wollte ich dir schon lange mal sagen.
    Hör auf zu bloggen, die Scheisse interessiert NIEMANDEN

  2. Anonym

    Du bist wahnsinnig toll! Bolgge unbedingt weiter, egal was sexistische Arschlöcher dazu sagen 😉

  3. Und wer bist du, dass du im Namen aller schreibst? Du wirst es nicht für möglich halten, aber keiner zwingt dich, Artikel zu lesen, die dich nicht interessieren. Ich habe auch schon „Du bist doof“ zu anderen gesagt. Meistens dann, wenn ich nicht mehr weiter folgen könnte. Und da war ich fünf und im Kindergarten.

  4. Tom

    Da das heute bei Facebook aufpoppte.. auch ein Kommentar von mir.
    #aufschrei hatte auch einen komplett unbeabsichtigten Effekt. Denken wir nochmal zurück, was passiert ist. Junge Journalistin labert alternden Politiker Nachts an einer Bar schief von der seite an. Er textet genauso dämlich zurück. Da hat sich bei mir so ein Ungerechtigkeitsgefühl breit gemacht. Ich habe mich dann etwas mehr mit dem Feminismus und dessen heutige Ausprägungen beschäftigt.
    Ich glaube absolut an die Gleichberechtigung von Frau und Mann, leider ist es inzwischen nicht mehr so. Unsere Gesetze diskriminieren ausschliesslich Männer, aber es gibt keinen #aufschrei. Sexismus gegen Männer ist in den Medien allgegenwärtig, keinen interessierts.
    Beschäftigt man sich damit, wie du bei deinem #aufschrei erlebnis, dann fallen auch männern zuhauf dinge ein. In der Grundschule wurde ich von nem Mädel ziemlich heftig gebissen. Was kam von der Lehrerin? Stell dich nicht so an, du bist doch ein Junge. Wie oft wurde mir die Rechnung eines abendessens hingelegt, weil ich der Mann bin? Und wie oft wird erwartet, dass der Mann bezahlt? Siehst du alles nicht so? klar,m aber damit findest du dich nicht in der Mehrheit.
    Mein Schmerz am feminismus ist, dass ausschliesslich die nachteile der Frauen in der klassischen Rollenverteilung angegangen werden, gleichzeitig das aber unter dem Banner der Gleichberechtigung für alle getan wird. Das stimmt so halt nicht. Wo ist die Feministische Plattform, die für eine Sorgerechtsquote eintritt? Wo die, die gegen die Streichung (oder erweiterung) der allgemeinen Wehrpflicht? Wo die, die gegen den alltäglichen Mediensexismus (20 tote zivilisten bei einem anschlag, darunter 4 frauen und 3 kinder)?
    Statt dessen wird die Mär des 22% Genderpaygap breitgetreten. Frauen werden aus der Verantwortung genommen, ja gar für unmündig erklärt (konnte ja keiner wissen, dass man mit einem Germanistikstudium weniger verdient als mit einem Wirtschaftsing. Studium, also mögen Germanisten bitte genausoviel verdienen)
    Eine echte Gleichberechtigungsbewegung, bin ich sofort dabei. Der Feminismus kann das aber imho nicht sein.

    Und ja, vergiss den Troll oben einfrach…

  5. Hi Tom,

    ich kann Deinen Ärger zum Teil nachvollziehen (den Genderpaygap auf Germanistik vs. WiIng zurückzuführen, finde ich aber ziemlich kurzsichtig). Ich stimme Dir definitiv zu, dass es viele Stereotype von Männlichkeit gibt, die ebenso ungerecht und schädlich sind. Ich denke aber nicht, dass es die Aufgabe des Feminismus ist, sich dafür einzusetzen. Da muss von Seiten der Männer etwas geschehen!

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