30 Tage Probeabo

Jeder kennt das. Man will eigentlich nur ungestört von A nach B fahren und wird bei diesem eigentlich recht unproblematischen Unterfangen von mindesten 3 hochmotivierten Zeitungsabo-Verkäufern angesprochen. Klar, die wollen auch nur Geld verdienen. Meist sind es ja arme Studenten, die ein wenig Zubrot durchaus verdient haben. Vielleicht habe ich einen schwachen Tag oder meine christliche Ader kommt gerade voll zur Geltung… aber nehmen wir doch mal spaßeshalber an, ich nehme ein Probeabo. 30 Tage habe ich, um mich zu entscheiden. 30 Tage.

Ein Probeabo ist wie ein neuer Flirt – dieser Vergleich kommt nicht von mir, das muss ich zugeben. Ich habe für ein männliches* Probeabo unterschrieben. 30 Tage lang kommt nun also mein abonniertes Produkt in meine Wohnung geflogen – in diesem Fall fliege ich auch gerne mal in anderer Leute Wohnungen. So ein Probeabo hat es in sich. Reichen 30 Tage wirklich aus, um sich zu entscheiden, ob sich ein Abo lohnt? Eigentlich nervt mich das ja, jeden Tag Zeitung zu lesen. Gerade mich. Mich auf eine Zeitung festzulegen, was soll das!? Lieber informiere ich mich breit, schau mal in die Tageszeitung, in das Magazin, schalte – meist aus Zufall – die Tagesschau ein. Ja, in der Regel bin ich danach auch recht zufrieden mit mir. Hab ich doch mal wieder etwas für meine mangelhafte politische Bildung getan.

 

Und dann dieses Probeabo. Nun kommt also jeden Tag diese Zeitung in meine Wohnung. Ich hab eigentlich gar keine Lust, die jeden Tag zu lesen. Oft verstehe ich gar nicht, was drin steht, weil ich viel zu selten Zeitung lese und mir meist politische Artikel wie chinesische Literatur des 19. Jahrhunderts erscheinen. Mir fehlt einfach der Zusammenhang, das Vorwissen. Natürlich gefällt mir auch nicht alles, was drin steht. Ich bin ja ein kritischer Geist.

Nun sind die 30 Tage also um. Ich muss nun entscheiden, ob ich eine Kündigung schreibe oder verbindlich die Zeitung abnehme und – das ist ja das entscheidende – auch bezahle. Bezahlt wird ja nicht immer mit Geld. Manchmal bezahlt mensch auch teuer mit Nerven, Ärger oder Zeit. Was kann ein Mann* – äh, eine Zeitung – manchmal nerven! Meine Fresse… Aber irgendwie habe ich mich auch daran gewöhnt! Bestelle ich die Zeitung ab, ist mein Briefkasten immer leer. Ich kann mir nun nicht mal mehr einbilden, jemand würde an mich denken und mir schreiben. Wenn ich morgens nach Post schaue, finde ich maximal die neusten Angebote des Pizza-Service oder die Werbebroschüre vom nächsten Baumarkt. Eine Zeitung ist dann doch was anderes.

Jemand sagte mal zu mir, er würde doch nicht für etwas zahlen, was er an der jeder Ecke umsonst in die Hand gedrückt bekäme. Ja richtig. Wer würde das schon tun? Aber wenn wir ehrlich sind, so ist es doch weitaus angenehmer, wie selbstverständlich unsere Zeitung im Briefkasten zu finden und nicht den Tag über durch die Stadt zu jagen und darauf zu warten, dass einem jemand die aktuellen Nachrichten in die Hand drückt. Da geht eins auch schon mal leer aus oder ist plötzlich im Besitz einer gänzlich uninteressanten Zeitung. Was soll ich mit der BZ? Ich will ne Süddeutsche, vielleicht n Tagesspiegel… aber die TAZ würde ich aus Interesse auch durchaus mal lesen – außerdem hat sie so ein angenehmes, U-Bahn-taugliches Format.

30 Tage Probeabo. 30 Tage. Das ist nicht viel. Nun soll ich mich plötzlich entscheiden, ob ich für die nächsten 12 Monate, jeden verdammten Tag, diesen Packen Papier in meinem Briefkasten haben will. Das ist eine schwerwiegende Entscheidung, die ich eigentlich nicht einfach übers Knie brechen möchte.
30 Tage Probeabo.

Ich habe mein Probeabo gekündigt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich mich doch mehr darüber ärgere, als dass ich es wirklich genieße. Aber eigentlich graut mir schon ziemlich davor, morgen an meinen Briefkasten zu gehen.
Denn der ist leer. Einfach leer.

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